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Die myofasziale Komponente beim FAI-Test – Wenn der Schein trügt

Lässt sich bei Patienten mit Leistenschmerzen mit einem FAI-Provokationstest tatsächlich ein FAI identifizieren? Die aktuelle Fachliteratur sagt ja. Unser Experte Roland Gautschi hinterfragt diese Ansicht und zeigt, inwiefern ein positiver FAI-Test auch Zeichen eines myofaszialen Problems sein kann.

Hat ein Patient Schmerzen in der Leiste und reagiert positiv auf den FAI-Test, gibt die aktuelle Fachliteratur eine klare Diagnose an: femoroazetabuläres Impingement (FAI).Möglicherweise ist das jedoch zu kurz gefasst. Bei Schmerzen im Bewegungssystem kommen prinzipiell artikuläre, myofasziale und neurale Strukturen als Schmerzgeneratoren in Frage. Beim FAI-Provokationstest provoziert man gleichermaßen artikuläre und myofasziale Strukturen, die somit beide für Leistenschmerzen ursächlich sein können.

Anfangs beide Diagnosen in Erwägung ziehen

Auf der artikulären Seite löst der FAI-Test mechanischen Stress auf den kraniomedialen Pfannenrand und das Labrum aus. Ist der Test schmerzhaft, kann das auf ein vorderes Cam- oder Pincer-Impingement hindeuten.

Neben den harten, artikulären Strukturen komprimiert man beim FAI-Test jedoch auch die weichen, das heißt myofaszialen, neuralen und vaskulären Strukturen. Auftretende Leistenschmerzen können deshalb auch von ventral liegenden Weichteilen herrühren. Muskulär betrachtet können hier der M. iliopsoas und der M. pectineus positiv sein (Kompressionsprovokation). In diesen Muskeln liegende myofasziale Triggerpunkte (mTrPs) können dabei durch Druck provoziert werden und Leistenschmerzen verursachen, da das Schmerzausstrahlungsgebiet (Referred-Pain-Muster) der beiden Muskeln die Leistenregion umfasst. Zudem bringt man beim FAI-Test den M. obturatorius externus auf Dehnung. mTrPs liegen in Hartspannsträngen, die bei Dehnung eines Muskels am stärksten unter Zug geraten. Das Referred-Pain-Gebiet des M. obturatorius externus ist ebenfalls in der Leiste lokalisiert, sodass auch in diesem Muskel die Ursache für die Leistenschmerzen liegen kann (Dehnprovokation).

Beim FAI-Provokationstest provoziert man gleichermaßen artikuläre und myofasziale Strukturen.

Ebenfalls möglich wäre, dass die in der Leiste verlaufenden neurovaskulären Strukturen (N. femoralis, R. femoralis des N. genitofemoralis, A. und V. femoralis) die Schmerzen provozieren. Meist ist das jedoch eher unwahrscheinlich, denn der durch den Test hervorgerufene Leistenschmerz nimmt typischerweise am Ende der Bewegung rasch und stark zu und bleibt dann konstant. Bei einer neurovaskulären Kompression würde der Schmerz dagegen erst verzögert auftreten und dann in der Intensität langsam zunehmen.

In Anamnese und Funktionsuntersuchung die Ursache eingrenzen

Wie kann man nun unterscheiden, ob die artikuläre oder die myofasziale Komponente für den Leistenschmerz verantwortlich ist? Als eine der Hauptursachen für ein femoroazetabuläres Impingement gilt intensiver Sport mit repetitiven Bewegungen (repetitive strain injury) oder akuten Überlastungen [5–8]. Dieselben Ursachen können ebenso mTrPs auslösen. Allein durch die entsprechenden Informationen in der Anamnese lässt sich demnach nicht zwischen einem artikulären und einem myofaszialen Problem differenzieren.

In der Funktionsuntersuchung lassen sich mögliche Unterschiede besser eingrenzen. Entstehen die bekannten Schmerzen bei der passiven Beweglichkeitsprüfung schon während der Bewegung (Phasenschmerz), ist eine artikuläre Ursache wahrscheinlich, denn in diesem Fall entsteht das Problem sicherlich nicht myofaszial, weil weder ein Muskel aktiv noch gedehnt oder komprimiert ist.

Tritt der Leistenschmerz erst am Ende der Bewegung auf, kann eine artikuläre und/oder eine myofasziale Ursache vorliegen. Werden die Schmerzen deutlich schlimmer, wenn der Therapeut passiv die Innenrotation verstärkt, deutet das aus myofaszialer Sicht auf ein Problem im M. obturatorius externus hin, der dabei vermehrt gedehnt wird. Gleichzeitig ist eine verstärkte Innenrotation jedoch auch eine zusätzliche Provokation für das Gelenk.

Verschlechtern sich die Schmerzen nicht bei verstärkter Innenrotation, sondern bei vermehrter Flexion, liegt mit großer Wahrscheinlichkeit eine Kompressionsprovokation vor: Hier können sowohl der M. iliopsoas als auch der M. pectineus und/oder das Gelenk (Labrum) betroffen sein.

Ein im MRT strukturell nachgewiesenes FAI kann vollkommen symptomlos sein.

Folglich bekommt der Therapeut beim FAI-Test nur eine zuverlässige Aussage: Ist der Test negativ, hat der Patient kein klinisch relevantes FAI. Ist der Test dagegen positiv, können ein FAI und/oder eine myofasziale Ursache vorliegen.

Lesen Sie den gesamten Beitrag hier: Die myofasziale Komponente beim FAI-Test – Wenn der Schein trügt

aus der Zeitschrift: physiopraxis 09/2018

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