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Intra- und Intertester-Reliabilität klinischer Tests zur Untersuchung der Bewegungskontrolle bei Patienten mit Nackenschmerzen

Nackenschmerzen sind weltweit eine häufig auftretende Gesundheitseinschränkung. Der große Anteil von Patienten mit unspezifischen Nackenschmerzen kann in Subgruppen eingeteilt werden. Eine dieser Subgruppen sind Patienten mit Bewegungskontrollproblemen. Für eine eindeutige Identifizierung dieser Gruppe sind zuverlässige Messverfahren notwendig. Es gibt eine Vielzahl verschiedener Tests zur Überprüfung der Bewegungskontrolle. Bisher liegt kein Review über den aktuellen Forschungsstand zur Intertester- und Intratester-Reliabilität der vielen Bewegungskontrolltests ohne technische Geräte bei Patienten mit Nackenschmerzen vor.

Nackenschmerz ist ein häufig auftretendes Gesundheitsproblem. Die jährliche Prävalenz von Nackenschmerzen liegt je nach Studie zwischen 30 – 50 % der Bevölkerung. Besonders Erwerbstätige leiden häufig unter Nackenschmerzen. Im Jahr 2005 lag der Anteil an Erwerbstätigen mit berufsbedingten Schulter- und Nackenschmerzen in Deutschland bei 21,3 %.

Nackenschmerzen sind differenziert zu betrachten. Neben der zeitlichen Einteilung (akut, subakut, chronisch) werden sie auch als spezifisch oder unspezifisch klassifiziert. In den meisten Fällen bleibt die Ursache der Nackenbeschwerden unklar, sodass die Mehrzahl als unspezifisch eingeordnet wird. Es ist von weniger als 1 % akuter und subakuter Nackenschmerzen aufgrund einer ernsthaften Erkrankung (z. B. Tumor, Infektion) auszugehen, die damit in die Klasse der spezifischen Nackenschmerzen eingeordnet würden.

Gemäß einer Erhebung der European Pain Federation (EFIC) liegen allgemeine Nackenschmerzen in Europa mit 34 % auf Platz 3 der häufigsten Ursachen für chronische Schmerzen. Demnach haben Nackenschmerzen unabhängig davon, ob spezifisch oder unspezifisch einen großen Anteil bei der Entstehung von chronischen Schmerzen.

Für das Gesundheitssystem stellen Beschwerden der Wirbelsäule, zu denen auch Nackenschmerzen zählen, einen enorm großen Kostenfaktor dar. Im Jahr 2008 betrugen die Kosten für Dorsopathien im Allgemeinen in Deutschland ca. 9 Milliarden Euro. Genaue Angaben zu den anfallenden Kosten allein für die Behandlung der HWS liegen in Deutschland nicht vor.

Neben den gesellschaftlichen stehen die persönlichen Folgen für die Betroffenen im Vordergrund. Patienten leiden nicht nur unter den vorhandenen Schmerzen, sondern auch unter eingeschränkter Beweglichkeit der HWS, Kopfschmerzen, Schwindel, ausstrahlendem Schmerz in Schultern und Arme sowie Kraftverlust. Neben den direkten körperlichen Problemen kommt es zu Einschränkungen bei den Aktivitäten des täglichen Lebens. Hier klagen Patienten unter anderem über Schwierigkeiten beim Fahrrad- oder Autofahren, Computerarbeiten, Haushaltsaufgaben oder Lesen. Diese Beeinträchtigungen können zu einem teilweisen Rückzug der Betroffenen vom sozialen Leben und weniger Möglichkeiten der Partizipation führen. Hinzu kommen psychologische Beschwerden wie Fatigue, Stress, Frustration, Angst, Depressionen sowie die Ungewissheit und Sorgen über die Zukunft, die Arbeit und die Schwere der Erkrankung.

Zur besseren Eingrenzung von Nackenschmerzen und deren Folgen ist ein Verständnis der Ursachen, Risikofaktoren und der Pathophysiologie von hoher Relevanz. Im Unterschied zu den bekannten Risikofaktoren für die Entstehung von Nackenschmerzen (z. B. sich wiederholende Bewegungen bei der Arbeit, eine sitzende Arbeitsposition, längere Zeiträume mit flektierter HWS, hohe psychologische Belastung im Job, psychologische Probleme, geringe Lebensqualität) ist die Pathophysiologie bei den meisten Nackenschmerzen nicht geklärt oder wird kontrovers diskutiert. Um den großen Anteil an Patienten mit unspezifischen Nackenschmerzen dennoch mit geeigneten Verfahren behandeln zu können, werden sie anhand von Klassifikationssystemen Subgruppen zugeordnet, anhand derer die beste individuelle Behandlung abgeleitet werden soll.

Das für die LWS entwickelte, international eingesetzte Klassifikationssystem von O’Sullivan besitzt eine gute Reliabilität und Validität. Es ist auch auf die HWS übertragbar und ordnet Patienten einer „Movement-Impairment“-(MI)- oder einer „Control-Impairment“-(CI)-Gruppe zu. CI wird als eine beeinträchtigte aktive Bewegungskontrolle während funktionellen dynamischen oder statischen Aktivitäten definiert. Patienten der CI-Subgruppe zeigen lokale Schmerzen mit oder ohne Ausstrahlung, haben jedoch keine eingeschränkte Beweglichkeit in der schmerzhaften Bewegungsrichtung. Bei vorliegendem CI wird im Hinblick auf die Pathophysiologie eine Aufrechterhaltung der Schmerzen im Nacken angenommen. Dies lässt sich insbesondere auf eine veränderte neuromuskuläre Kontrolle der Nackenbewegungen zurückführen, die ungewollten Stress auf zervikale Strukturen auslöst.

Ein Großteil der Patienten mit unspezifischen Schmerzen soll zur CI-Gruppe zählen. Daraus ergibt sich die hohe Relevanz einer zuverlässigen Identifikation der Betroffenen. Zum einen müssen Patienten mit unspezifischen Nackenschmerzen mit CI von denen ohne CI unterschieden werden können. Obwohl einige Tests zur Überprüfung der Bewegungskontrolle an der HWS vorliegen, gibt es bislang keinen Goldstandard für das sichere Erkennen von Patienten mit CI. Die Eignung der Tests kann aus physiologischen Gründen angenommen werden, weil Veränderungen in der Bewegungsausführung von Patienten mit chronischen Nackenschmerzen zu beobachten sind. Diese zeigen sich in Form von Ausweichbewegungen, veränderter Statik und veränderter Bewegung der Schulter und des Schultergürtels. Zum anderen werden diese Verfahren sowohl in der physiotherapeutischen Praxis und in der klinischen Forschung zur Diagnostik eingesetzt.

Neben der Unterscheidung von Personen mit von denen ohne CI ist auch die Reliabilität ein bedeutsamer Faktor bei der Beurteilung von Messinstrumenten und somit ein weiterer Aspekt der zuverlässigen Identifikation. Reliabilität bezeichnet das Ausmaß der Messgenauigkeit eines Testverfahrens. Dieses ist unabhängig davon, was inhaltlich gemessen wird und meint die Wahrscheinlichkeit, mit der bei einer wiederholten Messung unter homogenen Bedingungen dasselbe Testergebnis erzielt wird. Somit ist die Reliabilität ein Maß für die Replizierbarkeit der Ergebnisse eines Tests unter gleichen Messbedingungen.

Therapeuten sollten bei bei 2 verschiedenen Testungen unter den gleichen Bedingungen und dem gleichen Gesundheitszustand der Patienten immer zum selben Ergebnis kommen (Intratester-Reliabilität). Außerdem müssen 2 verschiedene Therapeuten beim gleichen Patienten und unter gleichen Testbedingungen zum selben Testergebnis kommen (Intertester-Reliabilität). Nur so ist gewährleistet, dass der Test zuverlässig ist und zum richtigen Ergebnis führt. Aufgrund der Relevanz von reliablen Tests im physiotherapeutischen Alltag steht dieser Aspekt im Fokus des Reviews.

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Aus der Zeitschrift: physioscience 01/2018

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