• Der Partner muss wissen, dass er dem Patienten nicht hilft, wenn er dessen Schmerzverhalten unterstützt. (Illustration: Susi Schaaf)

     

Denn sie wissen nicht, was sie tun

PARTNER VON PATIENTEN MIT CHRONISCHEN SCHMERZEN: Sie helfen, entlasten und meinen es doch nur gut. Partner von chronischen Schmerzpatienten wissen jedoch nicht, dass sie damit den Zustand ihrer Liebsten oft noch weiter verschlechtern. Das müssen sie erst lernen – am besten mit dem Betroffenen zusammen.

Lass liegen, Vreni!“ Volker Vorsicht spurtet in die Küche und hebt den Kochlöffel auf, der seiner Frau aus dem Geschirrtuch geglitten ist. „Gib mir jetzt mal das Handtuch und setz dich hin mit deinem Kreuz. Sonst büßt du morgen wieder dafür.“ Seit einem Jahr geht das schon so. Volker Vorsicht entlastet seine Frau, die damals einen Bandscheibenvorfall hatte, so gut es geht. Er putzt, räumt auf, wäscht ab, räumt ein – in der stillen Hoffnung, dass sie da-durch endlich mal wieder genug Kraft bekommt, um mit ihm einen ihrer geliebten Sonntagsausflüge machen zu können. Was Volker Vorsicht nicht weiß: Nicht trotz, sondern wegen seines Verhaltens muss das Paar weiterhin auf die Ausflüge verzichten.

Veraltete Ansichten
Viele Partner von Patienten mit chronischen Schmerzen agieren so fürsorglich, helfend und bremsend wie Volker Vorsicht. Leider ist weder den Volkers noch den Vrenis bewusst, dass ihr Verhalten auf veralteten Vorstellungen über Schmerz basiert: dass Schmerz immer Schaden bedeutet, dass man aufhören sollte, wennʼs weh tut, dass Ausruhen hilft. Der aktuelle Wissensstand zum Thema chronischer Schmerz ist ein anderer. Man weiß heute, dass bei-spielsweise permanente Schonung so ziemlich das Letzte ist, was Menschen, die an dieser Schmerzform leiden – immerhin rund 17% der Deutschen, weiterhilft. Aktivität ist angesagt, stufenweise Belastungssteigerung, lernen, dass chronifizierte Schmerzen ihre ursprüngliche Schutzfunktion längst verloren haben.

Da dieses Wissen in Fachkreisen inzwischen weit verbreitet ist, haben die Vreni Vorsichts gute Chancen, dass sie bei ihrer oft unvermeidlichen Therapieodyssee auf jemanden treffen, beispiels-weise einen Physiotherapeuten, der das Problem richtig einordnet und ihr verkehrtes Bild vom Schmerz zurechtrückt: ihnen erklärt, dass sie auf ihren Schmerz keine allzu große Rücksicht mehr neh-men müssen, sie zu mehr Aktivität ermutigt und ihnen einen Trai-ningsplan gibt, um ihre körperliche Belastbarkeit stufenweise zu erhöhen, ohne dass sie dadurch mehr Schmerzen bekommen.

So weit, so gut. Doch einer wird dabei oft vergessen: der Partner. Nur weil Vreni nun up to date ist, ist Volker es noch lange nicht. Und so kann es passieren, dass er, aus Sorge um Vreni, gefüttert mit Informationen aus zweiter Hand und geprägt von antiquiertem Halbwissen, die Therapie unbewusst torpediert: „Lass das doch, wenn es dir weh tut!“ „Nicht bücken, das ist doch schlecht fürs Kreuz! Ich heb das auf.“ „Eine halbe Stunde spazieren gehen? Da kannst du dich morgen bestimmt nicht mehr bewegen.“ Selbst wenn Vreni ihrem Therapeuten vertraut und ihr verordnetes Pro-gramm trotz des heimischen Gegenwinds durchzieht: Wer kann ihr verdenken, wenn spätestens an schlechten Tagen dann doch zumindest leise Zweifel aufkeimen, dass dieses Programm tat-sächlich das richtige für sie ist?


Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus physiopraxis 9/2011 Denn sie wissen nicht, was sie tun.

 

 

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