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Sprachentwicklungsverzögerung: Was wird aus Late Bloomern?

Die Variabilität des Spracherwerbs ist erheblich. Bis zu einem Alter von etwa 1½ Jahren lassen sich umschriebene Sprachentwicklungsstörungen und Normvarianten des Spracherwerbs nicht voneinander trennen.

Sprachentwicklungsverzögerungen sind deshalb, wenn keine weiteren Entwicklungsauffälligkeiten vorliegen, bis zur Vorsorgeuntersuchung U6 (10.–12. Monat) nicht als Frühsymptom einer späteren Sprachentwicklungsstörung anzusehen. Erst mit etwa 2 Jahren, d. h. bei der U7, lassen sich Kinder mit einem erhöhten Risiko für länger anhaltende Sprachauffälligkeiten erkennen. Als sprachgestört sind diese Spätsprecher (Late Talker, LT) allerdings nicht anzusehen. Jedes zweite bis dritte der 2-jährigen sprachverzögerten Kinder holt den Sprachrückstand auch ohne Intervention innerhalb von 12 Monaten weitgehend auf. Diese Kinder werden als Spätstarter (Late Bloomer; LBl) bezeichnet. Unklar ist allerdings, ob ein solches Aufholen von Dauer ist. Möglicherweise handelt es sich, wie in den AWMF-Leitlinien zur Diagnostik von Sprachentwicklungsstörungen betont wird, nur um eine vorübergehende Besserung, die spätere Sprachstörungen nicht ausschließt (illusionary recovery).

Bisherige Längsschnittstudien mit LT zeigen, dass die Zahl sprachauffälliger Kinder mit zunehmendem Alter abnimmt. Vollständig gleichen viele LT ihren Sprachrückstand aber nicht aus. Auch noch im Pubertätsalter haben ehemalige LT im Durchschnitt schlechtere sprachliche Fähigkeiten als vergleichbare Kinder ohne eine primäre Sprachentwicklungsverzögerung.

Die Frage, wie sich LBl weiter entwickeln und ob diese einer längerfristigen Beobachtung bedürfen, ist bislang ungeklärt. Angaben in der Literatur, dass LBl bis ins spätere Schulalter sprachliche Schwächen hätten, beruhen auf Längsschnittstudien bei LT. Diese sprechen dafür, dass LT, bei denen zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung keine Sprachstörung nachweisbar ist, gegenüber Kindern mit einer altersgerechten Sprachentwicklung signifikant schlechtere Sprachleistungen haben. Ob der Sprachrückstand wie bei LBl bis zum Ende des dritten Lebensjahres oder aber erst später aufgeholt wurde, geht aus diesen Studien nicht hervor. Damit bleibt offen, ob LT, bei denen bereits mit 3 Jahren keine Sprachauffälligkeiten mehr nachweisbar sind, als Risikokinder anzusehen sind.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, Informationen über die weitere Sprachentwicklung von Late Bloomern zu erhalten. Geklärt werden soll, ob die sprachlichen Fähigkeiten dieser Kinder dauerhaft im Bereich der normalen Variationsbreite bleiben oder ob vermehrt mit späteren Sprachstörungen zu rechnen ist und deshalb regelmäßige Überprüfungen des Sprachentwicklungsstands auch bei LBl erforderlich sind.

Kindergruppen und Methoden

Stichprobe

Die Stichprobe bestand aus 83 dreijährigen Kindern: 16 LBl, 29 LT mit persistierenden Sprachauffälligkeiten (Persist. LT) und 38 Kinder mit einer primär unauffälligen Sprachentwicklung (Nicht-Late Talker; N-LT). Die Kinder waren Teil einer Längsschnittstudie. Zur Rekrutierung der Stichprobe wurde Eltern von etwa 23 Monate alten Kindern der „Elternfragebogen für die Früherkennung von Risikokindern – ELFRA-2“ zugeschickt. Die Adressen wurden dem Geburtsanzeiger einer Zeitung entnommen. Alle einsprachig deutsch aufwachsenden Kinder mit einem ELFRA-Wortschatz≤50 und eine Zufallsstichprobe der Kinder mit einem größeren Wortschatz (unter Berücksichtigung der Geschlechtsverteilung bei den LT) wurden zu einer genaueren Untersuchung eingeladen. 56% der angeschriebenen Eltern erklärten sich mit einer Teilnahme einverstanden. Kinder, bei denen aufgrund der Untersuchungsergebnisse der Verdacht auf eine Intelligenzminderung (n=4), auf Hörstörungen (n=16) oder sonstige Behinderungen (n=1) bestand, wurden ausgeschlossen. Von den 60 LT und 47 N-LT, die bei der Untersuchung mit 2 Jahren (25±0,5 Monate) die Einschlusskriterien erfüllten, konnten im Alter von 3 Jahren (37±0,5 Monate) 49 LT und 42 N-LT und im Einschulungsalter (70±0,5 Monate) 45 LT und 38 N-LT (Ausfallquote 25 bzw. 19%) nachuntersucht werden. Eine Ausfallsanalyse ergab, dass zwischen den ausgefallenen und den in der Studie verbliebenen Kindern keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich demografischer oder Sprachvariablen mit 2 Jahren bestanden. Dies spricht gegen eine Verzerrung der Ergebnisse durch den Ausfall einiger Kinder.

Lesen Sie hier den ganzen Beitrag: Sprachentwicklungsverzögerung: Was wird aus Late Bloomern?
aus der Zeitschrift Klinische Pädiatrie 04/2015

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