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Kindliches Sozialverhalten – Entwicklungsaufgaben und Krisen in den ersten Lebensjahren

Die Frage nach sozialen Auffälligkeiten ist häufig ein Grund für eine Abklärung auf unserer entwicklungspädiatrischen Poliklinik. Was genau aber lässt das Kind sozial auffällig erscheinen? Welche Fragen stellen wir Eltern und wie ordnen wir die Befunde im Spektrum zwischen normalem Sozialverhalten, altersabhängigen Besonderheiten, Entwicklungsvarianten und Verhaltensstörung ein? Um diese Entscheidung zu treffen, ist ausreichendes Wissen über die normale Entwicklung des Sozialverhaltens im Kindesalter unerlässlich.

Entsprechend dem Vorschlag von Largo und Benz gehen wir davon aus, dass das Sozialverhalten – wie andere Entwicklungsbereiche – in verschiedene Teilbereiche unterteilt werden kann und dass jeder Bereich entsprechend der biologischen Vielfalt unter den Kindern und den unterschiedlichen Einflüssen ihrer sozialen Umwelt einen individuellen Entwicklungsverlauf zeigt. Wir unterscheiden 4 Teilbereiche des kindlichen Sozialverhaltens:

  • Beziehungsverhalten
  • Soziale Kognition
  • Nonverbale Kommunikation
  • Soziales Lernen

Ziel dieses Artikels ist es, die normale soziale Entwicklung von Kindern in den ersten Lebensjahren darzustellen, auf Zusammenhänge zwischen den Entwicklungsbereichen hinzuweisen sowie Entwicklungsvarianten, Reifungsphänomene und Störungen im Zusammenhang mit der sozialen Entwicklung anhand von Fallbeispielen aus der klinischen Praxis zu beschreiben.

Obwohl die meisten sozialen Auffälligkeiten in den ersten Lebensjahren im Rahmen von Entwicklungsvarianten oder Reifungsphänomenen erklärbar sind, können Eltern durch das auffällige Verhalten der Kinder nachhaltig verunsichert werden. Eine rechtzeitige und kompetente Beratung kann in solchen Fällen Fehlentwicklungen und Beziehungsstörungen verhindern.

Theoretischer Hintergrund

Menschen sind soziale Wesen. In verschiedenen Studien konnte man zeigen, dass bereits Säuglinge sozial kompetent reagieren können. Also erwartet die moderne Gesellschaft von den Kindern schon früh sozialkonformes Verhalten und ist entsprechend irritiert und verunsichert, wenn das Kind diese Erwartungen nicht zu erfüllen vermag. Die von Eltern und Bezugspersonen gezogenen Schlüsse und Maßnahmen bezüglich des kindlichen Sozialverhaltens gehen zudem häufig von erwachsenen Denk- und Handlungsschemata aus, welche die kognitiven Möglichkeiten eines Kindes überfordern. Die beobachteten kindlichen „Defizite“ werden durch vermehrte Erziehungsanstrengungen zu korrigieren versucht.

Dabei ist auch das Sozialverhalten von Beginn an ein Zusammenspiel von Reifung und Lernen und damit von Anlage und Umwelt. Sind die biologischen Eigenschaften herangereift, bilden sie die Rahmenbedingungen, innerhalb derer das Kind Lernerfahrungen mit der Umwelt machen kann. Dabei bevorzugt das Individuum diejenigen Möglichkeiten, die eine optimale Anpassung an seine Umwelt gewährleisten. Beispielhaft kann erwähnt werden, dass die Bereitschaft, sich vorbehaltlos an eine Bezugsperson zu binden, im Kind angelegt ist (Bindungstrieb) und dass die Möglichkeit, Erfahrungen mit Bezugspersonen zu machen, für eine stabile Bindung maßgeblich ist.

Die Entwicklung von sozialen Fähigkeiten verläuft in den ersten Lebensjahren nicht immer problemlos, nicht selten treten Besonderheiten und Auffälligkeiten auf. Die entwicklungspädiatrische Sichtweise nach Jenni und Latal orientiert sich dabei an der großen Variabilität zwischen Kindern und am individuellen Entwicklungsverlauf. So können soziale Verhaltensauffälligkeiten entweder Ausdruck eines Reifungsphänomens, einer Entwicklungsvariante oder einer Verhaltensstörung sein.

VERHALTENSAUFFÄLLIGKEITEN 
Der Begriff Verhaltensauffälligkeiten ist ein unspezifischer Sammelbegriff und entspricht keiner nach ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) oder DSM 5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) klassifizierten medizinischen Diagnose. Der Ausdruck wird häufig in der klinischen Praxis gebraucht. Verhaltensauffälligkeiten können entweder Entwicklungsvarianten, Reifungsphänomene oder eigentliche Störungen sein. 

  • Unter einer Entwicklungsvariante versteht man ein Verhalten, das bei einer gewissen Zahl von Kindern vorkommt und von der normalen Verhaltensentwicklung abweicht, aber nicht den Charakter einer Störung aufweist. Dazu gehören Verhalten wie Schüchternheit, häufiges Schlafen im Elternbett, der Pavor nocturnus oder das Stottern.
  • Unter einem Reifungsphänomen versteht man ein Verhalten, das bei vielen Kindern während einer gewissen Altersperiode auftritt und dann wieder abnimmt oder verschwindet. Beispiele dafür sind das Schreien (Dreimonatskoliken), das nächtliche Aufwachen, Bettnässen, das Trotzverhalten oder die Trennungsangst.
  • Unter einer Verhaltenstörung versteht man Auffälligkeiten, die in ihrer Intensität und Dauer so groß sind, dass das Kind wesentlich daran gehindert wird, altersgemäße Entwicklungsaufgaben angemessen zu bewältigen. Ein typisches Beispiel dafür ist die Autismus-Spektrum-Störung (ASS).

Die 3 Kategorien können nicht vollständig voneinander getrennt werden, sondern überschneiden sich. Eine Entwicklungsvariante oder ein Reifungsphänomen kann zu einer Störung werden, wenn sie in Häufigkeit, Intensität und Dauer die vom Umfeld gesetzten Normen übersteigt. Eine fehlende Übereinstimmung zwischen den Entwicklungseigenheiten eines Kindes und den Erwartungen und Vorstellungen seiner Bezugspersonen – ein sog. Misfit – können auf diese Weise zu gestörtem Verhalten führen. Auch zwischen Entwicklungsvarianten und Reifungsphänomenen gibt es fließende Übergänge. Bewegungsstereotypien eines Kindes können über viele Jahre persistieren (z. B. ein motorischer Tic) oder nur während einer gewissen Altersperiode auftreten (Flapping: repetitive, stereotype, schüttelnde oder winkende Bewegungen meist beider Arme und Hände).

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Kindliches Sozialverhalten – Entwicklungsaufgaben und Krisen in den ersten Lebensjahren

Aus der Zeitschrift Pädiatrie up2date 4/2015

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