Kinderanästhesie: Der schwierige Venenzugang

Der Verzicht auf einen Venenzugang kann in manchen Situationen eine fahrlässige Unterlassung darstellen, z. B. bei der Versorgung eines Schädel-Hirn-Traumas (SHT) im Kindesalter oder während der Anästhesieeinleitung nicht nüchterner Kinder. Weil in vielen Situationen auf einen Zugang ins Gefäßsystem nicht verzichtet werden kann, gehört die Schaffung eines Venenzugangs zu den grundlegenden Techniken, die jeder mit der Versorgung von Kindern betraute Arzt sicher beherrschen muss.

Eine erfolgreiche Venenpunktion hängt aber natürlich nicht nur vom persönlichen Geschick des Punkteurs, sondern auch von vielen anderen Faktoren ab. 

Arbeitsbedingungen erleichtern
Wie für jede Prozedur gilt auch für die Venenpunktion, dass vor Beginn die Arbeitsbedingungen optimiert werden sollen – und zwar für alle Beteiligten!

Warme Umgebung
In kalter Umgebung kontrahieren Hautvenen und sind nicht mehr sichtbar. Die Punktion sollte in warmer Umgebung erfolgen.

Prämedikation
Prämedikation und Ablenkung der Kinder gehören unseres Erachtens nach zu den wichtigsten Strategien für eine erfolgreiche Venenpunktion. Viele gut prämedizierte Kinder lassen sich ohne weiteres von den Eltern trennen und in den OP bringen. Diese Kinder lassen sich während der Punktion sehr leicht ablenken, sodass die Venenpunktion oftmals überhaupt nicht wahrgenommen wird.

Ablenkung
Zur Ablenkung eignen sich viele Maßnahmen, z. B. das Erzählen von Geschichten (suchen Sie nach einem Thema, für das sich das Kind interessiert: Frage nach Haustier, Geschwistern, Schule usw., Kleinkinder lassen sich häufig allein durch Erzählen regelrecht fesseln), audio-visuelle Unterhaltung wie Spielkonsolen und Handys sowie vieles andere mehr. Auch das in den USA verbreitete BUZZY®-System (Buzzy Cold and Vibration Device, MMJ Labs LLC, USA) gehört nach unseren Erfahrungen zu den Ablenkungstechniken, konnte sich an unserem Haus aber nicht durchsetzen.

Praxistipp
An der eigenen Klinik stecken wir den Kindern die Schutzhülse der Punktionskanüle zwischen die Zähne und fordern sie unmittelbar vor der Punktion zu kräftigem Hineinpusten auf (man kann die Kleinkinder dazu richtig anfeuern und begeistern). Das geht recht schwer und erfordert die ganze Aufmerksamkeit und Mitarbeit des Kindes. Dennoch muss zügig gearbeitet werden: Ablenkungs-Manöver lassen sich meist nicht wiederholen. Auch sedierte Kinder verlieren rasch die Geduld und das Zutrauen, wenn zulange an ihnen hantiert wird.

Sedierung
Ängstliche und unkooperative Kinder müssen sediert werden. Das geschieht einfach und rasch mit Midazolam und Ketamin. In der eigenen Klinik nehmen wir sehr ängstliche (Trennung von Eltern nicht möglich) oder unkooperative Kinder gar nicht erst in den OP, sondern sedieren im Beisein der Eltern im Aufwachraum nasal mit Midazolam (0,2 mg/kg KG), manchmal ergänzt um 0,5 mg/kg KG S-Ketamin.

Aufklärung
Älteren Kindern kann die Prozedur der Venenpunktion häufig so verständlich erklärt werden, dass die Venenpunktion letztlich vom vorbereiteten Kind toleriert wird. Das Verhalten der beteiligten Erwachsenen spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle.

Positive Beeinflussung
Das Schmerzerleben während einer Venenpunktion kann insbesondere bei Früh- und Neugeborenen mit oraler Glukose positiv beeinflusst werden. Schmerzlos wird eine Venenpunktion dadurch aber nicht.

Ruhige Atmosphäre
Eine ruhige Atmosphäre ist sehr hilfreich. Kompetente Helfer vermitteln auch einem Kleinkind Geborgenheit und Souveränität. Unruhe und Angst des Punkteurs übertragen sich auf das Kind. Es sollten klare Regeln vereinbart werden: Nur einer punktiert, die anderen lenken das Kind ab oder helfen mit Ratschlägen. Dem Kind ist nicht gedient, wenn gleichzeitig an mehreren Extremitäten ein Wettstechen durchgeführt wird.

Erfahrener Punkteur
Die Punktion am wachen Kind führt immer der erfahrenste Punkteur durch, trainiert wird am anästhesierten Kind. Bei uns im Haus führen speziell ausgebildete Kinderanästhesieschwestern die Venenpunktion oftmals schon im Aufwachraum im Beisein der Eltern durch. Das geschieht in ruhiger Atmosphäre, ohne zeitlichen Druck und ist für alle Beteiligten vollkommen entspannt.

Optimale Lagerung
Für die Punktion der Vena jugularis externa muss das Kind mit überstrecktem Hals gelagert werden. Eine Kopftieflagerung hilft bei der Füllung dieser Vene. Ohne eine Sedierung wird diese Punktion am wachen Kleinkind kaum gelingen.

Lachgasgemisch
Die Punktion einer peripheren Vene kann durch Inhalation von 50 % Lachgas (in Sauerstoff) für das Kind und den Punktierenden erleichtert werden. Die Punktion erfolgt nicht vollkommen schmerzlos, wird aber später nicht mehr erinnert. Kleinkindern und älteren Kindern kann mit dem geruchlosen Gas die Angst vor der Punktion genommen werden. Das kommerziell verfügbare, fixe Gemisch aus jeweils 50 % Lachgas und Sauerstoff (Livopan®) führt nicht zu einem Verlust der Schutzreflexe und eignet sich damit auch für nicht nüchterne Kinder. Mit dem flaschenbasierten System ist man von einer Lachgasversorgung unabhängig, mit bedrohlichen Nebenwirkungen muss nicht gerechnet werden.

Lesen Sie hier den vollständigen Fortbildungsbeitrag aus der AINS zur Venenpunktion bei Kindern.

 Fortbildungsbeitrag zum Download.

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