• spielende Kinder am Strand

     

Das frühkindliche Spielverhalten – ein Spiegel der kognitiven Entwicklung

Jedes gesunde Kind verbringt die meiste wache Zeit spielend. Fachleute beurteilen anhand von Spielsituationen den kognitiven, motorischen und sozialen Entwicklungsstand eines Kindes: Wie entwickelt sich das kindliche Spiel und ist das Spiel wirklich ein Spiegel der späteren kognitiven Leistungsfähigkeit?

Was ist Spiel?
Fallbeispiel - Spiel im Sand

Julia und Michael spielen im Sand am Meer. Julia ist 3 Jahre alt und Michael gerade 5 geworden. Außer einem Eimer und weißen Steinen haben die Kinder keine Spielsachen. Michael gräbt lustvoll mit den Händen einen hohen Berg aus Sand und danach einen Tunnel unten durch. Die weißen Steine lässt er als Fahrzeuge durch den Tunnel fahren. Dann formt er eine Mauer und verziert diese mit den weißen Steinen. Julia füllt Sand in den Eimer und zu Michaels Missfallen auch in den Graben. Dieser stößt die Kleine weg und ruft ihr zu, sie solle aufhören. Doch Julia kehrt zurück und wirft erneut Sand in den Graben. Erst nach erneuter Intervention von Michael wendet sie sich von ihm ab und beginnt einen Kuchen aus nassem Sand zu formen. Schließlich streut sie trockenen Sand wie Puderzucker über den Kuchen.

Fast alles, was Kinder tun, in den Händen halten oder sehen, fühlen und hören, kann zum Spiel werden. Genüsslich löffeln Kinder Suppe vom Teller ins Glas und schütten sie zurück, Makkaroni werden zu Flugzeugen mit Passagieren umgewandelt oder als Strohhalm zum Trinken eingesetzt. Kinder sind ganz in ihr Spiel involviert. Es geht ihnen vom jüngsten Alter an um die Erfahrung im Moment des Erlebens, jetzt und jetzt und wieder jetzt. Das erreichte Ziel oder Produkt ist weniger wichtig als der Moment der Erfahrung und Beobachtung.

Sie spielen und entdecken etwas Neues oder üben gerade Verstandenes mit Freude; und sie machen damit kontinuierlich neue Erfahrungen. So sind beispielsweise beim Turmbau das Positionieren der Klötze im Raum, der Platz des oben aufgelegten Würfels, das Runterfallen und das Gleichgewicht auf einer Kante ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger als der hohe Turm, den wir als Eltern und Beobachter oft im Blick haben. Da das Kind im Spiel sein Können übt, erprobt, erforscht, lernt und versteht, spiegelt der Umgang des Kindes mit Gegenständen seine aktuellen kognitiven Fähigkeiten wider. Spielerisch setzt sich das Kind mit physikalischen Eigenschaften, räumlichen Dimensionen und Kategorien von Materialien, Formen, Beschaffenheit sowie deren möglichen Funktionen auseinander.

Allerdings gibt es in der Literatur keine allgemein akzeptierte Definition oder ein generell gültiges Konzept für das Spiel. Entsprechend zahlreich und je nach Fachbereich unterschiedlich sind die Beschreibungen des Spielverhaltens von Kindern.

Beispielhaft hat Burghardt 5 besondere Merkmale des kindlichen Spiels beschrieben:

Das Spiel ist nicht vollständig funktional. Es zeigt zwar gewisse Aspekte der Realität, ist aber nie echt. So backt Julia im Beispiel einen Kuchen aus nassem Sand und bestreut ihn mit trockenem Sand.

Das Spiel ist spontan, freiwillig, spaßmachend, lohnend oder sich selbst genügend („um seiner selbst willen getan“). Es genügt, wenn mindestens eine dieser teilweise überlappenden Eigenschaften zutrifft. So gräbt Michael im Beispiel lustvoll einen Graben in den Sand.

Das Spiel ist gekennzeichnet durch unvollständige, symbolische, übertriebene, ungeschickte oder unreife Verhaltensweisen. Im Beispiel benutzt Michael die weißen Steine als eine Art Fahrzeuge („er tut so als ob“) und lässt sie durch den Tunnel fahren.

Das Spiel ist charakterisiert durch eine häufige Wiederholung von Handlungen. Dadurch werden Fertigkeiten erlernt und stetig verbessert. Spiele werden i. d. R. so lange wiederholt, bis sie beherrscht werden. Dann wird das Spiel für das Kind langweilig und es wird nicht mehr gespielt. Wiederholungen sind jedoch nie rigide und stereotyp, sondern variabel. In der Kasuistik wirft Julia wiederholt Sand in den Graben von Michael und freut sich über dessen Reaktion.

Kinder spielen, wenn ihre grundlegenden Bedürfnisse ausreichend gedeckt sind, beispielsweise nach Nahrung, Schlaf und Sicherheit sowie nach einfühlsamen Beziehungen zu erwachsenen Bezugspersonen.

Warum spielen Kinder?
Alle Kinder spielen, außer wenn sie krank sind oder ihr Wohlbefinden auf andere Art eingeschränkt ist. Menschen spielen seit der Steinzeit, sie spielen in allen Kulturen und in jedem Alter.

Das Spielverhalten eines Kindes scheint wie das Schlaf- oder Essverhalten homöostatisch reguliert zu sein (d. h.ein Gleichgewichtszustand eines Systems wird mit einem inneren Prozess aufrechterhalten). Alle diese Befunde deuten darauf hin, dass das kindliche Spiel etwas Universales ist und eine außerordentlich wichtige Bedeutung für das kindliche Leben hat.

Tatsächlich wurde über die Funktion und Bedeutung des Spiels für das Kind sehr viel geschrieben. Unzählige Theorien beschäftigen sich mit der Frage: Warum spielen Kinder? Meist wird dabei die Schlussfolgerung gezogen, dass das Spielen für die kognitive, sprachliche, motorische und soziale Entwicklung eine zentrale Bedeutung hat.

Es muss allerdings kritisch angefügt werden, dass es nur wenige methodisch gut durchgeführte empirische Studien über das kindliche Spiel gibt. Dabei zeigt sich eine starke Verzerrung der Datenlage mit bevorzugter Veröffentlichung von positiven Beziehungen zwischen Spielen und kindlicher Entwicklung. Außerdem gehen viele Autoren von vornherein von positiven Effekten des kindlichen Spiels aus. Tatsächlich hat sich in den letzten 100 Jahren nach Smith ein eigentliches „Spielethos“ gebildet, welches das Spiel als wichtigsten Faktor der kognitiven, sprachlichen, motorischen und sozialen Entwicklung von Kindern sieht. Dieses Spielethos hat zu einer regelrechten Romantisierung des kindlichen Spiels geführt.

Lesen Sie den gesamten Beitrag hier: Das frühkindliche Spielverhalten – ein Spiegel der kognitiven Entwicklung

Aus der Zeitschrift: Pädiatrie up2date 04/2018

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