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Elektronische Medien und frühe Kindheit

Welche Bedeutung haben die neuen Medien und die zunehmende Medialisierung der kindlichen Lebenswelten für die Kindesentwicklung und Kindergesundheit unter kognitiven, emotionalen, sozialen und physischen Aspekten? Inwiefern können moderne elektronische Medien entwicklungsspezifischen Anforderungen gerecht werden? Und überhaupt – kann ihre Nutzung im Kindesalter empfohlen werden? Der Beitrag bewertet hierzu interessante Studien.

Während sich in den 1950er- und 1960er-Jahren das Freizeitverhalten durch die massenhafte Verbreitung des Fernsehens radikal veränderte, sind die Auswirkungen des Internets, der mobilen Nutzergeräte und der Softwareentwicklungen (wie Computerspiele, Kommunikationsprogramme und andere Apps) auf unsere Gesellschaft heute als viel umfassender und tiefgreifender anzusehen. Die Nutzung der neuen Medien ist nicht nur in der Freizeitgestaltung fest etabliert, sie ist in der Arbeitswelt nahezu aus keinem Bereich mehr wegzudenken und macht ein zentrales Element der Kommunikation und alltäglichen Beschäftigungen aus (z. B. Spielen, Warenbestellungen, Online-Banking, Partnersuche, Informationsquellen suchen und Rezipieren der Massenmedien – auch unterwegs und auf Reisen). Auf den Markt kommen ständig neue Anwendungen und Endgeräte. Die Technik wird mobiler, vielseitiger, immer mehr vernetzt und gewissermaßen „kinderleicht“ bedienbar.

Multimediakonsum und Entwicklung
Inzwischen gibt es große Kohortenstudien, womit dezidierte evidenzbasierte Aussagen zur Auswirkung von Medienkonsum auf die Kindesentwicklung und -gesundheit getroffen werden können. Dennoch ist es an dieser Stelle notwendig, die wichtigsten Elemente der Kindesentwicklung und grundsätzliche Einflüsse zunächst isoliert zu betrachten, um auf dieser Grundlage die Rolle der Medien zu beurteilen.

Grundlagen der normalen Entwicklung
Die zentrale Ausrichtung der frühen menschlichen Entwicklung auf psychosoziale Interaktion ist evolutionär zu begründen. So kommt der Mensch mit einem zur Endgröße relativ kleinen Kopf zur Welt, was durch das aus statischen Gründen kleine Becken zurückzuführen ist (aufrechter Gang). 70% der Größenentwicklung des Gehirns (im Unterschied zu 30% bei Schimpansen) finden beim Menschen aus diesem Grund extrauterin und somit unter dem starken Einfluss der Interaktion mit seiner Umgebung statt.

Durch diesen entscheidenden Einfluss auf die Gehirnentwicklung hat die frühe Interaktion des Säuglings mit seiner Umwelt in der Evolution der Menschheit eine besondere Bedeutung erlangt. In diesem Zusammenhang sind als bedeutsame Konzepte der frühen Interaktion etwa die intuitiven elterlichen Kompetenzen, die affektive Abstimmung („affect attunement“) zwischen bedeutsamer Bezugsperson und Säugling und die soziale Rückversicherung („social referencing“) zu nennen.

Die Interaktion stellt einen der wichtigsten und am stärksten abgesicherten Faktor für die Kindesentwicklung dar. Emotionale Bindung und emotionale Verfügbarkeit von Vertrauenspersonen sind dabei zentral. Mary Ainsworth beschreibt die zentrale Rolle der Interaktion für die Kindesentwicklung in dem Modell der Feinfühligkeit vs. Unempfindlichkeit der Mutter bzw. Bezugsperson(en) gegenüber den Signalen des Babys (sensitivity vs. insensitivity to the babyʼs communication):

Die Signale des Säuglings müssen richtig wahrgenommen werden (häufige Verfügbarkeit und niedrige Schwelle für kindliche Äußerungen), sodann richtig interpretiert werden (keine verzerrten Bewertungen, z. B. auf der Basis einer eigenen elterlichen Psychopathologie), und es muss in Folge prompt und angemessen darauf reagiert werden (z. B. geringe Latenzzeit der mütterlichen Reaktion, insbesondere auf Weinen und Quengeln des Säuglings).

Weitere, für Lernvorgänge während der frühen Kindheit förderliche Faktoren stellen die Variation und Variabilität von Bewegungsvorgängen dar, welche unterschiedliche sensorische Erfahrungen auslösen. Die dadurch getriggerten sensomotorischen Feedbackschleifen führen zur Etablierung neuronaler Netzwerke, in denen Bewegungsabläufe und Bewegungserfahrung hinterlegt werden. Von Relevanz sind kritische (im Gegensatz zu unkritischen bzw. beliebigen) Variationen von Bewegungsabläufen. Bei kritischen Variationen führen unter Umständen sehr geringe Veränderungen zu einem differenten Feedback. Der Säugling, der diskret in Richtung einer versehentlich liegengelassenen Schere blickt, wird (hoffentlich) bei seinen Eltern eine vollständig andere Reaktion auslösen, als wenn er – nur etwas die Richtung variierend – zu einem Spielzeug blickt.

Die Blickrichtung ist damit kritisch in Bezug auf das ausgelöste Feedback, eine für die Ausbildung neuronaler Strukturen wesentliche Voraussetzung. Kontraproduktiv hingegen wäre an dieser Stelle Beliebigkeit – die Blickrichtung des Säuglings ist unkritisch und löst entweder gar kein oder ein beliebiges, nicht differenzierendes Feedback aus. Begünstigend für den Lernvorgang ist hierbei die komplexe Ausprägung des Feedbacks. Zunächst löst jeder Bewegungsvorgang ein sensorisches Feedback durch Propriorezeption aus. Die Variation von Bewegungsvorgängen im dreidimensionalen Raum ist diesbezüglich als kritisch anzusehen, da sie zu einem differenten Feedback führt. Die Erweiterung des Feedbacks, z. B. der durch eine solche Bewegung entstehende Körperkontakt mit einer zusätzlichen sensorischen und emotionalen Komponente, erhöht die Komplexität der sensomotorischen Feedbackschleife und der daraus resultierenden neuronalen Vernetzung. 

Lesen Sie den gesamten Beitrag hier: Elektronische Medien und frühe Kindheit

Aus der Zeitschrift: Pädiatrie up2date 02/2018

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