• Verletzte und erkrankte Kinder stellen besonders in alpinen Gebieten nicht nur medizinisch, sondern auch rettungstechnisch und besonders emotional eine anspruchsvolle Situation für alle Beteiligten dar.

     

Alpine pädiatrische Notfälle

Pädiatrische Notfälle sind im Allgemeinen selten, und die durchschnittliche praktische Erfahrung des Rettungsdienstes ist dadurch in diesem Bereich limitiert. Im alpinen Gelände sind die Helfer neben rettungsspezifischen Aspekten auch noch mit meteorologisch-topografischen Gegebenheiten konfrontiert.

Sportliche Betätigungen in den Bergen sind in jedem Alter und in jeder Zeit des Jahres beliebt. Obwohl es ungewiss ist, wie viele Kinder bei welchen Aktivitäten in den Bergen unterwegs sind, darf vermutet werden, dass neben den Schneesportarten das Wandern die Lieblingsaktivität für Familien mit Kindern ist.
Auf den schweizerischen Pisten ereigneten sich die meisten registrierten Unfälle in der pädiatrischen Altersgruppe beim Skifahren/Carving (71,2%), weniger beim Snowboardfahren (28,8%). In Statistiken anderer Länder (z. B. Norwegen) erreichten Sportarten wie Schlittenfahren, Langlaufen und Schlittschuhlaufen in den offiziellen Statistiken hohe Prozentzahlen.
Wenn man die Zeit, welche die Kinder und Jugendlichen bei einer bestimmten sportlichen Aktivität verbringen, in Relation zur Häufigkeit der dort erworbenen Knochenfrakturen setzt, zeigt sich das Snowboarden als die risikoreichste Tätigkeit mit 1,9 Frakturen/10 000 Stunden Tätigkeit. Beim Skifahren sind es lediglich 0,6 und beim Fahrradfahren nur 0,25 Frakturen/10 000 Stunden Tätigkeit).
Alle Arten von Stürzen (auch Stolperstürze und Abstürze aus größerer Höhe) machen annähernd die Hälfte aller Notfälle im Gebirge aus. Die Verteilung von Sturzereignissen ist in den Altersgruppen homogen. Steinschlag, Kollision, Einklemmen/Erdrücken sowie Lawinenunfälle wurden selten und nur bei älteren Kinder beobachtet. Spezifische Notfälle wie Schlangenbisse (5 Fälle in 12 Jahren), Stürze in Gletscherspalten oder Blitzunfälle (je 1 Ereignis in 10 Jahren) sind in der Schweiz Seltenheiten.

Verletzungen

Die meisten in den Bergen geretteten Kinder (46,8%) sind zwar nur leicht verletzt, doch ist ein Großteil von ihnen auf eine stationäre Behandlung angewiesen (NACA 3). Gemäß der vorliegenden Literatur befindet sich nur ein kleiner Anteil (11,3 – 20,3%) aller geretteten Kinder in akuter Lebensgefahr (NACA IV – VI).
Somit sind die allerhäufigsten Herausforderungen für den alpinen Notarzt leichte bis mittelschwere traumatische Folgen von Stürzen oder Abstürzen.
Das Spektrum alpiner Kindernotfälle ist groß zwischen banalen Läsionen des Bewegungsapparates, Schnitt- und Riss-Quetsch-Wunden bis hin zu Wirbelsäulen-/Thoraxkontusionen sowie Frakturen und Schädel-Hirn-Verletzungen.

Erkrankungen

Jedes 10. Kind, das organisierte Hilfe benötigt, befindet sich in einer Notlage aufgrund einer nicht traumatologischen Erkrankung. Der Notarzt muss deshalb immer auch an neu aufgetretene oder vorbestehende nicht traumatologische gesundheitliche Probleme denken. Diese könnten durch die alpine Umgebung oder spezifische Aktivitäten ausgelöst oder relevant verschlechtert sein.
Starke Temperaturschwankungen, Kälte verbunden mit geringer Luftfeuchtigkeit, Ermüdung, Angst, psychische und physische Belastung oder aber Überforderung sind z. B. mögliche Faktoren, welche eine Asthmaexazerbation, eine Diabetesentgleisung oder Krampfereignisse auslösen können. Hyperventilation und Panikattacken sind stets möglich und erschweren den Ablauf einer Rettungsaktion.
Der Notarzt muss also breit denken und sich altersspezifische Pathologien vor Augen halten.
Selbst eine banale Magen-Darm-Grippe kann im Kindesalter gravierend sein: Fast 50% der pädiatrischen Notfälle in Nationalparks der USA sind gastrointestinaler Ursache, und nur 15% betreffen Verletzungen.

Spezifische alpine Notfälle (Pistenunfälle): Verletzungen

Während bei den jungen Skifahrern die häufigsten Verletzungen das Knie oder den distalen Unterschenkel betreffen, sind bei Snowboardern am häufigsten der Unterarm sowie auch der Oberschenkel verletzt. Präklinische Befunde der Extremitätenverletzungen decken sich gut mit klinischen Daten, abdominale Verletzungen hingegen werden möglicherweise präklinisch unterdiagnostiziert.
Die Inzidenz von abdominalen Verletzungen (vor allem Milzlazerationen) im Kindesalter ist beim Snowboarden mit 6,7% höher als beim Skifahren, wahrscheinlich bedingt durch Stürze auf die linke obere Extremität (bei der üblichen Bindungseinstellung mit dem linken Fuß vorne). In der Tat sind Frakturen oder Luxationen der oberen Extremitäten nach Snowboardstürzen häufig mit abdominalen und Beckenverletzungen assoziiert.

Wie viel Behandlung wird vor Ort durchgeführt?

Die häufigste Intervention vor Ort ist die Anlage eines periphervenösen Zugangs. Sauerstoffzufuhr (15%) oder intratracheale Intubation (1,4%) sind selten indiziert. Reanimationen im Kindesalter oder die Einlage einer intraossären Nadel sind in alpinem Gelände äußerst seltene Interventionen (< 0,5%).
Die in Not geratenen Kinder im Alpenraum außerhalb der Skipisten werden in der Regel unabhängig vom Verletzungsgrad mit einem Rettungshelikopter geborgen und notärztlich behandelt. Der Einsatz von bodengebundenen Rettern kommt lediglich bei schlechtem Wetter oder eingeschränkten Sichtverhältnissen vor.
In Gegensatz dazu wird auf den Skipisten die Erste Hilfe primär durch den Pistenrettungsdienst geleistet. Vier Fünftel der versorgten Kinder werden in der Folge einer ärztlichen Behandlung zugewiesen. Entweder werden sie bodengebunden in eine nahe liegende Praxis oder in das geeignete Krankenhaus transportiert, oder es wird ein Helikopter mit Notarzt aufgeboten, wenn die Verletzungen oder die gesundheitliche Beeinträchtigung als schwer eingestuft werden bzw. eine relevante Schmerzproblematik besteht (16,2% aller Fälle, gemäß BfU).

Allgemeine Grundsätze und Psychologie von Kindernotfällen

Kindernotfälle per se und dazu noch unter erschwerten Umweltbedingungen stellen besondere Anforderungen an das medizinische Team. Gemäß einer kürzlich erschienenen Umfrage sind Hauptgründe für Stress bei amerikanischen Paramedics bei der Behandlung von pädiatrischen Patienten vor allem psychologischer Art: Identifikation mit den Patienten, Unschuld des Kindes, weinende Kinder, Reaktion der Eltern. Eine adäquate Vorbereitung und das Bewusstsein dieser zusätzlichen Faktoren können dem Notarzt helfen, rasche, professionelle Hilfe zu leisten.
Oft ist eine direkte, verbale Kommunikation altersbedingt nicht möglich. Von besonderer Bedeutung sind deshalb:

  • die Fremdanamnese möglichst unter Einbezug der Eltern,
  • die zielgerichtete körperliche Untersuchung (beachte indirekte pathologische Zeichen) sowie
  • gute Kenntnisse der kindlichen psychischen und physischen bzw. pathophysiologischen Besonderheiten.


Weil Kinder auch ohne Bewusstseinsverlust in der Klinik oft nur ungenügende Angaben über den Unfallhergang machen, ist die prähospitale Anamnese wichtig, vor allem dann, wenn keine Bezugspersonen auf den Transport mitgenommen werden können.
Verletzte Kinder sollten, wenn möglich, nicht von ihren Eltern oder engen Betreuungspersonen getrennt werden, um zusätzliche Stressbelastungen zu vermeiden. Der bewusste Einbezug in die Versorgung (z. B. provisorische Inline-Stabilisierung des Kopfes) ersetzt bei den Eltern oft ein blockierendes Gefühl der völligen Hilflosigkeit zugunsten einer zielgerichteten Mitarbeit.
Bei Rettungseinsätzen in alpinem Gelände sollen Diagnostik und Therapie auf das Wesentliche beschränkt bleiben. Vorbereitende Maßnahmen für die rasche Bergung beinhalten lediglich:

  • fokussierte Diagnostik (Bodycheck, Puls, Rekapillarisierungszeit),
  • Analgesie (intranasal oder intravenös) und
  • provisorische Frakturstabilisierung (SamSplint oder Vakuumschiene).


Bei lebensbedrohlichen Verletzungen hat selbstverständlich die Stabilisierung von A (Airways), B (Breathing) und C (Circulation) Vorrang, soll jedoch ebenfalls im Sinne des Prinzips „treat and run“ durchgeführt werden.
Diese Prinzipien werden wie beim Erwachsenen auch beim pädiatrischen Patienten angewendet.

 

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Alpine pädiatrische Notfälle

Aus der Zeitschrift Pädiatrie up2date

 

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