Falsche Ärzte – Maßnahmen gegen „Schwarze Schafe“ noch nicht umgesetzt

Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe Dr. Theodor Windhorst erklärt im ZFOU-Interview, was zu tun ist, damit Ärzte nach massiven Fehlern schneller von der Arbeit suspendiert werden können. Und damit auch solche vor einer Einstellung erkannt werden, die überhaupt keine Approbation haben.

? Herr Windhorst, am 11. Februar dieses Jahres hat ein Gericht im niederländischen Almelo Herrn Ernst Jansen, auch genannt Ernst Jansen Steur, zu drei Jahren Haft verurteilt. Der Neurologe, so das Urteil, habe in 9 Fällen bei Patienten in den Niederlanden „bewusst“ unheilbare Krankheiten falsch diagnostiziert und sei Schuld am Tod einer Frau, die aufgrund einer Fehldiagnose Alzheimer Suizid begangen hat. Damit endete einer der laut Staatsanwaltschaft „größten Medizinprozesse in der Geschichte der Niederlande“. Jansen soll Fehldiagnosen bei mindestens 200 Menschen gestellt haben.

Besonders pikant: Der Mediziner war bereits 2004 in den Niederlanden wegen Fehldiagnosen, gefälschten Patientenakten und unnötiger Hirnoperationen aus dem System geflogen und hatte sich verpflichtet, nicht mehr zu praktizieren. In Deutschland war er hingegen bis Ende 2012 in mehreren Kliniken tätig. Sie kennen den Fall?

Durchaus. Herr Jansen ist auch bei uns im Kammergebiet aufgefallen, im Februar 2012, als ihn das St. Georg-Krankenhaus in Bad Fredeburg rausgeworfen hat. Er war dort als Honorararzt tätig gewesen.

? Laut Wikipedia war Jansen aber schon 2004 von der niederländischen Ärzteliste gestrichen worden. Wusste denn bei Ihnen niemand davon?

Nein, wir erfuhren davon erst 2012, als uns das Krankenhaus Bad Fredeburg anrief. Und das trotz umfangreicher eigener Recherchen auch schon die Jahre zuvor, leider.

? Welche Recherchen Jahre zuvor?

Herr Jansen, der gelegentlich auch als Jansen Steur auftrat, was seine Identifikation selbst für die Niederländer erschwerte, ist bereits im Dezember 2005 durch unsere Akten gelaufen. Damals hat uns ein bekanntes hiesiges Rechtsanwaltsbüro im Auftrag des Dr. Ernst Jansen angeschrieben, um im Sinne der Europäischen Richtlinie 93/16/EWG (Anm. Red.: bis 2007 gültige EU-Richtlinie zur Anerkennung von Berufsausbildungen in den Ländern der EU, seit Oktober 2007 ersetzt durch die Richtlinie 2005/36/EG) eine Zulassung für ihren Mandanten zu bekommen. Das Schreiben enthielt unter anderem die Kopie einer Erklärung vom Minister für Volksgesundheit in Den Haag, dass Herr Jansen berechtigt sei, die Berufsbezeichnung Arzt zu führen.

? 2005? Aber da stand Jansen doch in Holland schon nicht mehr auf der Ärzteliste?

Richtig. Und das waren eben Fehlinformationen aus den Niederlanden, denen auch wir aufgesessen sind. Schließlich haben ja auch die Niederländer erst ab 2009 gegen ihn prozessiert. Herr Jansen ist also in Holland 5 Jahre eine Karteileiche gewesen, aber eine reanimierbare. Eben weil das Ministerium auch noch Jahre nach 2004 auf Nachfragen hin immer wieder bestätigt hat, dass keine disziplinarischen und strafrechtlichen Maßnahmen seiner Berufsausübung entgegen stehen.
Wir können auf jeden Fall belegen, dass wir umfassend recherchiert haben. So haben wir zur Sicherheit Anfang 2006 von der Kanzlei obendrein noch eine Approbationsbescheinigung angefordert und im März 2006 auch eine notariell beglaubigte Kopie dazu erhalten, ausgestellt von der zuständigen Bezirksregierung in Arnsberg.

? Bezirksregierung Arnsberg?

Das war in dem Fall die Approbationsbehörde.

? Die also auch keinen Verdacht geschöpft hatte …

Offenbar nicht. Und am 14. März 2006 bekamen wir auch noch die von uns ebenfalls angeforderte Konformitätsbescheinigung, ausgestellt von der KNMG (Anm. Red.: Royal Dutch Medical Association, die niederländische Ärzteorganisation). Glasklar wurde da bestätigt, dass Herr Jansen in den Niederlanden als Neurologe praktizieren darf, gemäß Artikel 22 der Richtlinie 93/16 EWG.

? Da haben Sie gesagt, jetzt kann er auch bei uns arbeiten?

Ja, wir haben ihn in unser Melderegister aufgenommen.

Thieme Newsletter