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Der lumbale Bandscheibenvorfall

Der lumbale Bandscheibenvorfall ist eine Verlaufsvariante der Bandscheibendegeneration und stellt das häufigste Krankheitsbild der Lendenwirbelsäule im mittleren Lebensalter dar. Die klinischen Symptome des lumbalen Bandscheibenvorfalls reichen von einer reinen Schmerzsymptomatik über Sensibilitätsstörungen bis hin zu motorischen Ausfallerscheinungen, wobei als Leitsymptom eine radikuläre Symptomatik durch Druck auf einen oder mehrere Spinalnerven gilt. Dieser Beitrag beleuchtet die diagnostischen und therapeutischen Techniken und Besonderheiten dieses sozialmedizinisch so bedeutsamen Krankheitsbilds.

Einleitung

Degenerative Veränderungen der Lendenwirbelsäule und die damit einhergehenden symptomatischen Krankheitsbilder zählen zu den am häufigsten auftretenden Beschwerden in den Industrieländern der westlichen Welt. Die Jahresprävalenz von behandlungsbedürftigen Beschwerden liegt in Deutschland zwischen 45 und 65 %. Statistiken belegen, dass nahezu jeder 2. Hausarztbesuch wegen Wirbelsäulenbeschwerden erfolgt und dass nahezu die Hälfte aller vorzeitigen Berentungen aus dem gleichen Grund beantragt wird. Hieraus wird die sozialmedizinische Bedeutung degenerativer Wirbelsäulenveränderungen ersichtlich. Die Summe aus direkten (Akutbehandlung, ambulant, stationär) und indirekten (Arbeitsunfähigkeit, vorzeitige Berentung etc.) Krankheitskosten liegt in Deutschland bei mehr als 20 Milliarden € jährlich.

Der lumbale Bandscheibenvorfall ist eine Verlaufsvariante der Bandscheibendegeneration und stellt das häufigste Krankheitsbild der Lendenwirbelsäule im mittleren Lebensalter dar. 

Epidemiologie und Ätiologie

Die Jahresprävalenz lumbaler Bandscheibenvorfälle liegt in den westlichen Industrieländern im Durchschnitt zwischen 1 und 2,5 %, zeigt aber eine deutliche Altersabhängigkeit mit einem Gipfel zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr. Die Lebenszeitprävalenz beträgt bei unter 35-Jährigen 3,5 % und steigt bei 45- bis 55-Jährigen auf über 20 % an. Bandscheibenvorfälle bei Kindern sind selten, verlässliche Prävalenzdaten liegen nicht vor. Unter den operativ behandelten Fällen sind Kinder und Jugendliche nur mit 0,2–3,2 % vertreten.

Lumbale Bandscheibenvorfälle zeigen eine leichte, gelegentlich ein Verhältnis von 2 : 1 erreichende, Geschlechtspräferenz für Männer.

Etwa 90 % aller lumbalen Bandscheibenvorfälle betreffen die beiden kaudalen Bewegungssegmente (L4–L5 und L5–S1), wobei mit zunehmendem Alter häufiger die Level oberhalb von L5–S1 betroffen sind.

Pathophysiologie der Bandscheibendegeneration

Die lumbale Bandscheibe ist das größte bindegewebige Organ, das ab dem Erreichen des Zweifüßlergangs über keine eigene Blutversorgung mehr verfügt.

Diese Tatsache und das Zusammenwirken weiterer Faktoren wie Alter, Gewicht, (sportliche oder berufliche) biomechanische Belastung sowie anatomische (Lendenlordose) und konstitutionelle Faktoren (genetische Prädisposition) beeinflussen den bereits im frühen Kindesalter einsetzenden Degenerationsprozess der Bandscheibe. An dessen Beginn stehen Rissbildungen im Anulus fibrosus, begünstigt durch

  • Umstrukturierung kollagener Fasern,
  • mechanische Belastungen,
  • Abnahme der Proteoglykankonzentration mit
- einhergehenden qualitativen Proteoglykanveränderungen und
- einer konsekutiven Abnahme des Flüssigkeitsgehalts des Nucleus pulposus.

Aufgrund der fehlenden Blutversorgung heilen Anulusrisse nicht aus. Die Bandscheibe „trocknet aus“, verliert an Höhe und kann ihrer biomechanischen Funktion nicht mehr gerecht werden. Dies führt zu einer alterierten Verteilung von axialen, rotatorischen und translatorischen Kräften, was den weiteren Degenerationsvorgang begünstigt. Translatorische und vertikale Instabilitäten, die aus einem Höhenverlust der Bandscheibe und damit einem Verlust der ligamentären Grundspannung resultieren, verstärken die biomechanische Fehlbelastung und damit den degenerativen Selbstzerstörungsprozess der Bandscheibe.

Dieser stadienhafte Ablauf einer Bandscheibendegeneration hat zu unterschiedlichen Klassifizierungen geführt, wobei die kernspintomografische Klassifizierung nach Pfirrmann die größte internationale Akzeptanz besitzt.

In dieser degenerativen Kaskade gibt es pathomorphologische und biomechanische Konstellationen, die die Entstehung eines Bandscheibenvorfalls begünstigen.

Vor allem das Zusammentreffen von noch ausreichend hydriertem Nucleus pulposus mit bereits fortschreitender Degeneration im Anulus fibrosus (z. B. Pfirrmann-Stadien II, III und IV) begünstigen die Entstehung eines Bandscheibenvorfalls.

Da diese Stadien II, III und IV i. d. R. im mittleren Lebensabschnitt auftreten, erklärt dies auch die Häufung von Bandscheibenvorfällen (BSV) zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Der lumbale Bandscheibenvorfall

Aus der Zeitschrift Orthopädie und Unfallchirurgie up2date 6/2016

 

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