Facharztcheck Sportmedizin – Athleten mit Approbation

Sportmediziner haben eine bunte Klientel: Sie versorgen sowohl den Profi als auch den übergewichtigen Bürotiger. Drei Ärzte erzählen von ihrer Leidenschaft – für die Medizin und den Sport.

Die Spiroergometrie ist ein Eckpfeiler der sportmedizinischen Leistungsdiagnostik: Wie verändern sich die Atemzugvolumina unter Belastung? Kann gefahrlos ein Marathonlauf absolviert werden? Foto: Kirsten Oborny 

Für zwei Spiele die Nummer 1 im deutschen Tor. Für René Adler ist das der Höhepunkt der Saison. Auf der USA-Reise der Fußballnationalmannschaft zeigt er, dass er zu Recht als einer der besten deutschen Torwarte gilt. Doch obwohl er Jogi Löw mit seiner Leistung überzeugt, wird der USA-Trip für Adler immer negativ besetzt sein: Im Spiel gegen Ecuador, das die Nationalmannschaft mit 4:2 gewinnt, verletzt er sich am Knie. Zunächst sind die Schmerzen nicht stark. Erst als er nach dem Urlaub sein Kniegelenk wieder voll belastet, muss er bei seinem Verein, dem HSV, den Arzt aufsuchen. Diagnose: Kapseleinriss am linken Knie.

Der Arzt, der für Adlers Heilungsverlauf verantwortlich ist, heißt Dr. Philip Catalá-Lehnen und ist Ärztlicher Leiter der sportmedizinischen Abteilung am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). „René hatte Schmerzen bei Bewegung, und in der Untersuchung zeigte sich ein typischer Druckschmerz an der Kapsel“, erklärt der Sportmediziner. „Das MRT bestätigte unsere Diagnose. Im Team erarbeiteten wir einen individuellen Therapie- und Trainingsplan.“ Einige Wochen später stand Adler wieder zwischen den Pfosten.

Klientel: vom Einsteiger bis zum Profi

Dr. Catalá-Lehnen ist seit jeher sportbegeistert. Trotzdem war es zunächst gar nicht sein Wunsch, als Sportmediziner zu arbeiten: „Ursprünglich wollte ich Unfallchirurg werden. Darum machte ich nach dem Studium am UKE meinen Facharzt für Spezielle Unfallchirurgie und Orthopädie. Da ich leidenschaftlicher Sportler bin, hatte ich bereits damals die Sportunfälle im Fokus – so rutschte ich in die Sportmedizin.“

Vor zwei Jahren übernahm er die Sportmedizin am UKE und eröffnete dort ein Jahr später das „Athleticum“. Dahinter verbirgt sich das Zentrum für Sport- und Be­wegungsmedizin des UKE. Dr. Catalá-Lehnen sitzt hier Tür an Tür mit Sportwissenschaftlern, Physiotherapeuten und Osteopathen. Das Be­sondere: Ein Patient sieht hintereinander immer alle beteiligten Berufsgruppen. „Erst wenn jeder von uns den Patienten untersucht hat, planen wir gemeinsam die Behandlung“, erklärt der Ärztliche Leiter. Neben der körperlichen Untersuchung nutzt er häufig die Sonografie und das MRT.

Schwören tut Catalá-Lehnen aber auf eine Art „Ganzkörperscan“. Hierbei vermisst er per Infrarotvermessung und Videotechnik den gesamten muskuloskeletalen Bewegungsappart unter dynamischen Bedingungen und erkennt so Veränderungen an Wirbelsäule, Becken, Bein oder Fuß. Nach der Diagnostik setzt er die Therapiepläne im hauseigenen Praxis- und Rehabereich um. Denn nur wenige Patienten müssen in den OP, konservative Verfahren wie Tapen, Infiltration, Manual- oder Neuraltherapie stehen öfter auf dem Plan.

Dabei betreuen Catalá-Lehnen und sein Team nicht nur die Profis vom HSV, sondern auch Freizeitsportler oder Menschen, die es mal werden wollen. Für ihn als Orthopäden und Unfallchirurgen stehen trauma­tologische Probleme im Vordergrund. Um den internistischen Bereich kümmert sich ein Kollege. „Meine Patienten sind entweder frisch verletzt, haben eine alte Verletzung oder Überlastungsschäden wie eine Achillessehnenreizung“, erklärt er.

Während Fußballer sich eher mit einem Kreuzbandriss vorstellen, kommen Tennisspieler oft mit Schulterschmerzen. „Etwas, das über alle Sportarten hinweg sehr häufig auftritt, sind Muskelverletzungen“, sagt Catalá-Lehnen.

Der Klassiker ist der Muskelfaserriss, der immer wieder auch Spieler des HSV trifft. Der Arzt handelt dann sofort: „Die ersten Minuten sind entscheidend für den Verlauf. Wichtig ist es, den Muskel sofort zu komprimieren und zu kühlen.“ Um das Hämatom zu begrenzen, gibt er Arnika-Tropfen. Zudem beginnt sein Team zeitnah, den Muskel mit Strom zu reizen und die Lymphe zu drainieren.

Doch damit nicht genug. „Zusätzlich infiltrieren wir den Muskel mit einem Lokalanästhetikum und dem homöopathischen Mittel Traumeel, damit dieser sich entspannt, besser durchblutet wird und am Ende schneller heilt“, verrät Catalá-Lehnen. Es folgen Physiotherapie und Aufbautraining. Nach vier bis sechs Wochen kann der Spieler meistens wieder gegen den Ball treten.

Das Tapen wird bei Sportlern immer beliebter. Ob beim Sprint oder beim Fußball. Foto: iStockphoto/Matt Brown

Ohne Titel geht’s auch!

Ähnlich wie Catalá-Lehnen wollte auch Dr. Stefan Zieger ursprünglich gar kein Sportmediziner werden. Umso plötzlicher entbrannte seine Leidenschaft für das Fach. 1995 saß der niedergelassene Internist im Publikum des Stuttgarter ATP-Tennisturniers, als Boris Becker sich im Halbfinale gegen Michael Stich verletzte. „Damals fragte mich ein befreundeter Turnierverantwortlicher, ob ich mir den Becker mal angucken könnte“, erzählt der Esslinger heute. „Ich kümmerte mich um den Spieler und fand mich am Abend zum Interview im Aktuellen Sportstudio wieder.“

Seitdem hat Zieger viele Mannschaften und Individualsportler betreut, darunter die Läufer des Stuttgarter Marathons, die Fußballspielerinnen des Bundesligisten VfL Sindelfingen sowie viele Spielerinnen des WTA-Tennisturniers in Stuttgart. Dabei deckt er den leistungsphysiologischen Schwerpunkt der Sportmedizin ab. „Sowohl bei Profis als auch bei Freizeitsportlern führe ich Leistungstests durch“, beschreibt Zieger seinen Alltag. „Da stehen EKG, Laktattest, Spiroergometrie oder Echokardiografie im Vordergrund.“ Zudem betreut er Sportler jeden Leistungsstands, die chronische internistische Krankheiten wie eine Hypertonie, Aneurysmen oder eine Klappenerkrankung haben.

Dabei ist Dr. Zieger gar kein „echter“ Sportmediziner. Denn die Zusatzbezeichnung hat der 53-Jährige nie gemacht. „Zur Sportmedizin bin ich durch meine Sportbegeisterung und einige Zufälle gekommen“, erklärt der Internist. „Während der Weiterbildung war es aber mein Ziel, Kardiologe zu werden.“ Und diesen Weg verfolgt zu haben, hat er auch nie bereut. Denn von der Sportmedizin allein könnte er nicht leben. „Gerade am Anfang macht man als Sportmediziner vieles ehrenamtlich“, beschreibt er den Alltag eines Niedergelassenen. „Zwar gibt es einige Leistungen, die man privat abrechnen kann. Kaum einer will dafür aber zahlen.“

Er selbst könnte durch den Titel Sportmedizin nicht mehr bei den Krankenkassen abrechnen, als es jetzt schon möglich ist. Trotzdem empfiehlt er jungen Kollegen, die Zusatzbezeichnung mitzunehmen (Kasten). So bekommt man schneller einen Kundenstamm, der sportmedizinische Betreuung sucht. Außerdem warnt er davor, die Sportmedizin nur nebenher als Hobby betreiben zu wollen: „Das ist ein anspruchsvoller Job. Nehmen Sie nur das Thema Doping: Wenn ich einem Leistungssportler wegen seines Asthmas ein Medikament verschreibe, muss ich wissen, welches von der Dopingbehörde NADA zugelassen ist.“

Zwischen Koronarsport und Profikader

Fasziniert ist Dr. Zieger vom breiten Spektrum der Patienten, die er betreut – da kommt am einen Tag der Herztransplantierte und am nächsten der Marathonläufer. Diese Mischung findet auch Dr. Robert Marshall spannend. Er hat fest geplant, die Zusatzbezeichnung Sportmedizin zu machen. Der zukünftige Facharzt für physikalische und rehabilitative Medizin will sich aber nicht nur offiziell Sportmediziner nennen – der 33-Jährige will später damit sein Geld verdienen!

Obwohl dies in Deutschland nur wenigen vergönnt ist, sieht es für Marshall bisher nicht schlecht aus: Aktuell ist er zur Hälfte Assistenzarzt in der Unfallchirurgie des UKE, zur anderen Hälfte arbeitet er im „Athleticum“ und kümmert sich um 200 junge Kicker im Nach­wuchs­leistungszentrum des HSV. „Das ist ein verantwortungsvoller Job. Denn gerade Kinder sind gefährdet, im Wachstum Überlastungsschäden zu erleiden“, erklärt Marshall.

Für biomechanische Themen begeistert sich Dr. Marshall besonders – kein Wunder, hat er doch vor der Medizin einige Jahre Ingenieurswissenschaften mit dem Schwerpunkt Medizintechnik studiert. Marshall forscht zu konservativen Therapieoptionen bei Symphysitis und untersucht die typischen Verletzungsmuster einer Jugendprofimannschaft im Saisonverlauf. „Auch aufgrund meiner wissenschaftlichen Ambitionen fühle ich mich in der Sportmedizin gut aufgehoben“, erklärt Marschall.

Sein Chef pflichtet ihm bei: Catalá-Lehnen liebt sein Fach mit allen Facetten. Nur auf eine Eigenschaft seiner Kunden könnte er verzichten: „Sportler sind sehr anspruchsvolle Patienten“, erklärt der Hamburger. „Die wollen morgen wieder auf dem Platz stehen und verstehen nicht, dass sie Verletzungen haben, die einen normalen Menschen zu sechs Wochen Pause zwingen.“ Deshalb müsse er aufpassen, dass seine Sportler nicht „Spezial-Wunderpillen“ aus fernen Ländern schlucken, um wieder fit zu werden – schon wegen der Dopingkontrollen. Auf der anderen Seite freue es ihn immer wieder, wie motiviert seine Sportler seien, wieder gesund zu werden.

Doch was macht eigentlich den perfekten Sportmediziner aus? Eine Voraussetzung scheint festzustehen: Alle drei Interviewten sind selbst leidenschaftliche Sportler. Und Dr. Zieger nennt noch drei weitere wichtige Eigenschaften: „Teamfähigkeit, Seriosität und ein eher uneitles Wesen.“ Denn auch wenn Sportmediziner einen erheblichen Beitrag dazu leisten, dass Sportler erfolgreich sein können – von deren Ruhm bekommen sie (meistens) nichts ab.

Fakten zur Sportmedizin

In Deutschland gibt es rund 15.000 Mediziner, die die Zusatzbezeichnung „Sportmedizin“ tragen. Diese kann jeder Facharzt mit direktem Patientenkontakt erlangen, wenn er zuvor mindestens
12 Monate an einer sportmedizinischen Einrichtung als Weiterbildungsassistent tätig war. Alternativ kann er diese Zeit auch anteilig durch bis zu zwölf Monate sportärztliche Tätigkeit in einem Verein oder einer Herzsportgruppe ersetzen. In diesem Fall ist der Assistent aber zusätzlich verpflichtet, 240 Stunden theoretische Kursausbildung nachzuweisen. Dort lernt er neben orthopädischen und internistischen Grundlagen auch Relevantes über Ernährung bis hin zu den gynäko­logischen Aspekten der Sportmedizin.


Warum lohnt es sich Sportmediziner zu werden?


Dr. Philip Catalá-Lehnen:

Das Schöne ist, dass meine Patienten nicht nur ein Rezept für Schmerzmittel wollen. Die sind hoch motiviert, wollen sich bewegen und gesund werden. Das macht Spaß! Zudem ist es abwechslungsreich: Bei einer Muskelverletzung muss ich den Profi ganz anders behandeln als den Freizeitsportler. Außerdem können sich junge Ärzte bei uns auch wissenschaftlich noch einen Namen machen.

Dr. Stefan Ziegler

Ich sehe das so: Wenn man Medizin und Sport liebt, ist Sportmedizin die schönste überadditive Kombination: 1 + 1 = 3! Das Schöne daran ist, dass Sportler und Arzt eine Erfolgsgemeinschaft bilden. Zusammen mit meinen Patienten will ich positive Ziele erreichen – auch wenn es nur um die Freude an der Bewegung und nicht um eine Goldmedaille bei Olympia geht. Zudem betreue ich sehr unterschiedliche Patienten: Das kann ein Wettkampf-Skateboarder, aber auch ein Schachspieler sein.

Dr. Robert Marshall

Es macht Spaß, auch für gesunde Patienten etwas tun zu können. Denn Sportmedizin ist vor allem auch präventive Medizin: Ich helfe Menschen, gesund zu bleiben und weiterhin Sport treiben zu können. Damit kann ich ihre Lebensqualität erhalten oder sogar steigern und Krankheiten verhindern. Für mich persönlich macht insbesondere die Schnittmengen aus orthopädischen und internistischen Fragestellungen den Reiz der Sport­medizin aus.


Quelle: Dr. Jesper Dieckmann

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