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Welches Sprachförderpotenzial steckt in elektronischen Medien?

Mediennutzung und Spracherwerb
Bilderbücher: Verrohung der Jugend!
Lesen: weltabgewandte Zeitverschwendung für altjüngferliche Damen.
Comics: simplifizierender Schund!
Simsen: eine unzulässige Verkürzung deutschen Schriftsprachguts?.....

Die Liste des sogenannten Media bashings lässt sich historisch wunderbar rekonstruieren: Die Einführung eines jeden neuen Mediums spaltet die Menschen in early adopters und Kritiker, die dadurch die abendländische Kultur bedroht sehen. Die Kritik bezog sich also nicht nur auf die heute (noch) umstrittenen interaktiven, digitalen Formate, sondern hatte auch schon mal das Bücherlesen im Visier, das heute als Kulturhandlung schlechthin gilt. Mittlerweile scheint unangefochten zu gelten: Lesen bildet, Lesen fördert und muss gefördert werden. Gleichzeitig gibt es heute erhebliche Vorbehalte gegenüber den elektronischen Medien, denen beispielsweise vorgeworfen wird, die Nutzer zu verdummen oder zur Vereinsamung zu führen. Wieso das in der Regel einsame Geschäft des Lesens nicht zur Vereinsamung führe, die Nutzung elektronischer Medien hingegen schon, ein anspruchsloser Text mehr bilde als ein anspruchsvolles Fernsehprogramm, sei einmal dahingestellt. In jedem Fall sind solche Bewertungen Ausdruck von unzulässigen Vereinfachungen, bei denen Medienformate und Medieninhalte, die Nutzung und die Wirkung von Medien in einen Topf geschmissen werden.

Solche Pauschalisierungen sind nicht erkenntnisfördernd, sondern wirken im besten Fall als Strategien einer konservativ motivierten Einstellungsbewahrung. Interessanterweise ist media bashing in Deutschland besonders ausgeprägt. Vorbehalte gegenüber Medien werden deutlich, wenn die kompetente Nutzung elektronischer Medien sich hier deutlich langsamer entwickelt als in anderen Industrienationen oder die Ausstattung mit Rechnern und Internet in deutschen Schulen hinterherhinkt. Interessant ist diese Beobachtung, weil Deutschland eigentlich als ein Land der technischen Innovation, etwa im Maschinen- oder Autobau, gilt. Was also macht uns zu Meistern technischer Entwicklung, die wir im Medienformat mit Argwohn betrachten?

 Die medienvermittelte Erfahrung wird offenbar als unecht betrachtet. Als Nachfolger eines romantischen kulturphilosophischen Erbes sind wir geneigt, das Unechte, das Vermittelte und Indirekte zu verdammen – wir wollen das Echte, das Unverstellte, das Ursprüngliche. Diese Position hat allerdings einen argumentativen Haken: Wenn das Medial-Unechte nur ein schlechter Abklatsch des Real-Echten ist, warum wählen dann Millionen von Menschen freiwillig diese – scheinbar unechten – Medienerfahrungen aus?

Die empirische und interdisziplinär angelegte Medienforschung verpflichtet sich, diese Fragen fundiert und ideologiefrei zu beantworten. Hier wird untersucht, warum Menschen Medien nutzen, welche spezifische Wirkung ein Format (also etwa das Fernsehen) unabhängig von dem Inhalt entfaltet, wie Inhalte verarbeitet werden und bei welchen Nutzergruppen unter welchen Bedingungen bestimmte (positive wie negative) Wirkungen zu erwarten sind. Es gibt mittlerweile eine Fülle von wichtigen Erkenntnissen und auch zum Zusammenhang von Mediennutzung und Sprachfähigkeit liegen inzwischen aussagekräftige Befunde vor. Dieses Thema ist für uns von ausserordentlicher Bedeutung, da zahlreiche der bei Kindern beliebten Medien (auch) einen sprachlichen Input liefern und damit als entwicklungsrelevante Größe im Leben eines Kindes berücksichtigt werden müssen.

Prof. Dr. Ute Ritterfeld und Dr. Sandra Niebuhr-Siebert

Sprache Stimme Gehör 1/2012 „Einfluss des Fernsehens auf die Entwicklung der Sprachfähigkeit“ von Katharina Diergarten und Gerhild Niedling.

 

Den vollständigen Beitrag finden Sie hier. 

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Quelle

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Zeitschrift für Kommunikationsstörungen

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