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Sprache als Intelligenzverstärker

Intelligenz und Sprache


Historisch betrachtet ist Intelligenz ein zentrales, mit der psychometrischen Tradition verbundenes Thema der Psychologie - das vermutlich am meisten untersuchte und ein gut gesichertes Persönlichkeitskonstrukt. Intelligenz fußt auf Denken, also auf kognitiven Informationsverarbeitungsprozessen. Denken hat verschiedene Erscheinungsformen (z. B. logisches; problemlösendes; kreatives Denken). Vor allem das induktive Denken (Erkennen von Regelmäßigkeiten) gilt als bedeutende Komponente der allgemeinen Intelligenz des Menschen. Fast schon trivial mutet es an, auf den engen Zusammenhang von Intelligenz und Sprache hinzuweisen. Doch wie so oft: der Teufel steckt im Detail. Und da haben in der Vergangenheit anerkannte Intelligenz- wie auch Sprachforscher unterschiedliche, z. T. konträre, Akzente zum Verhältnis von Sprachentwicklung und Denken gesetzt.

 

Der Denk- und Sprachpsychologe Karl Bühler (1879-1963) bezeichnete die Aktivitäten von Kindern vor dem Spracherwerb als "praktische Intelligenz" oder "Werkzeugdenken". Abgeleitet aus dem Faktum des Werkzeugdenkens nahm er an, dass dieses dem Sprechen vorausgeht und die Sprachentwicklung bzw. Sprache entscheidend beeinflusst (vorintellektuelle Wurzeln der Sprache). Auch der Entwicklungspsychologe Jean Piaget (1896-1980) räumte dem handelnden Denken Vorrang gegenüber der Sprache ein. In seinem Stufenmodell zur kognitiven Entwicklung wird der Übergang vom "sensu-motorischen Stadium" der beiden ersten Lebensjahre zum Stadium des "präoperativen Denkens" (2-7 Jahre) durch den Spracherwerb und die Entdeckung der Symbolfunktion der Sprache indiziert. Sprache wird intellektuell durchdrungen und Denken wird sprachlich, wenn ein Kind beginnt, nach dem Namen von Dingen zu fragen und sein Wortschatz sprunghaft anwächst (heute bekannt als "vocabulary spurt"). L.S. Wygotsky (1896-1934) ging von einer gegenseitigen, untrennbaren Beeinflussung von Sprache und Denken aus, indem die kognitive Entwicklung eine "gemeinsame Konstruktion" von Kind und sozialer Umwelt darstellt.

 

Ganz anders der Linguist Edward Sapir (1884-1939), der - allerdings nicht aus der Entwicklungsperspektive - feststellt: Sprache beeinflusst Denken. Sein Schüler, der Linguist B. J. Whorf (1897-1941), entwickelte aus diesem Ansatz die "Sapir-Whorf-Hypothese", nach der das Denken eines Menschen stark durch seine Muttersprache determiniert ist. Dieser "linguistische Determinismus" gilt inzwischen als überholt, erfährt aber möglicherweise durch empirische Studien der Kognitionswissernschaftlerin Lera Boroditsky eine Renaissance: Sie zeigt den Einfluss von Sprache (z. B. die mit Wörtern verbundenen Konzepte; Wortwahl; das grammatische Geschlecht) auf Wahrnehmung und Denken in verschiedenen Sprachräumen, also inter- wie auch intrakulturell. Das Thema „Intelligenz und Sprache“ ist weiterhin eine Herausforderung. Ihr soll in Heft 3/2012 der Zeitschrift Sprache Stimme Gehör multidisziplinär begegnet werden, durch die Zusammenführung von Beiträgen aus den Psycho-, Neuro-, Geistes- und Erziehungswissenschaften.
Prof. Dr. rer. nat. Christiane Kiese-Himmel

Sprache Stimme Gehör 3/2012 „Aspekte von Intelligenz und ihr Zusammenhang mit Sprache – eine Übersicht“ von Christiane Kiese-Himmel.

 

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Zeitschrift für Kommunikationsstörungen

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