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Das Arbeitsgedächtnis – eine Bestandsaufnahme

Das Kurzzeitgedächtnis ist ein kapazitätslimitierter passiver Informationsspeicher. Seine Facette „Arbeitsgedächtnis“ hingegen ist nicht nur speicher-, sondern auch verarbeitungsorientiert, wodurch die aufgenommene Information ohne Zeitverzug für andere kognitive Prozesse zur Verfügung gestellt werden kann. Somit ist das Arbeitsgedächtnis ein dynamisches System zur Informationsverarbeitung, in dem alle bewussten Inhalte zusammentreffen. In den letzten 50 Jahren wurde das aus der Kognitiven Psychologie kommende Konstrukt „Arbeitsgedächtnis“ zunehmend mehr in klinische und pädagogische Kontexte übertragen. Insbesondere das hierarchische Mehrkomponentenmodell zum Arbeitsgedächtnis sensu Baddeley (1986, 2000) erhielt hohe Beachtung. Hier wird auf dessen ontogenetische Entwicklung, neuronalen Hintergrund, die Diagnostik im Kindesalter und klinische Relevanz des Konstrukts eingegangen.

Die kurzzeitige Speicherung von Reizen findet im sensorischen Gedächtnis (Ultrakurzzeitgedächtnis, UKZG) statt, bei der über die Sinnesorgane aufgenommene Daten für Millisekunden bis 10–15 Sekunden in modalitätsspezifischen sensorischen Speichern verbleiben (z. B. im echoischen, ikonischen oder haptischen UKZG). Ein kleiner Teil, und zwar die vom Individuum als bedeutsam erachteten Daten („psychologisch motivierte Weiterverarbeitung“), wird in das Kurzzeitgedächtnis (KZG) überführt. Das ist ein Speicher, der eine limitierte Informationsmenge in einem unmittelbar verfügbaren Zustand bereithält. Von ihm kann die Information durch Wiederholung in das Langzeitgedächtnis (LZG) mit unbegrenzter Kapazität und Haltedauer befördert werden (Drei-Speicher-Modell).

Die meisten kognitiven Aufgaben wie auch kurzfristige Planungen erfordern einen Mechanismus zur anforderungsabhängigen Bereitstellung der im KZG hinterlegten Information, um zielgerichtet Reaktionen oder Handlungen einzuleiten. Damit ist ein Mechanismus gemeint, der die vorübergehende Aufrechterhaltung und gleichzeitige Verarbeitung von Information ermöglicht, was im Verbund mit anderen kognitiven Voraussetzungen und Aktivitäten den Ausgangspunkt für Lernen darstellt. Demgemäß gilt die Funktionstüchtigkeit dieses Mechanismus, Arbeitsgedächtnis (AG) genannt, als Prädiktor für erfolgreiches Lernen. Die Kapazität des AGs im Alter von 5 Jahren sagt Schulleistungen 6 Jahre später besser voraus als der Intelligenzquotient. Im Kindesalter korreliert das AG mit schulischem Erfolg.

Das AG ist ein Konstrukt, welches das Konzept des KZGs präzisiert und das in der pädagogischen, psychologischen und klinischen Praxis sowie Forschung seit Jahren zunehmend mehr genutzt wird, obgleich die Begrifflichkeit bereits 1960 von Miller et al. eingeführt wurde. Es existieren verschiedene theoretische Konzeptionen des AGs, die sich in strukturellen wie auch in funktionellen Details unterscheiden. Die meisten Modelle tragen der Vorstellung Rechnung, dass es bereichsübergreifende und bereichsspezifische Komponenten gibt, die bei der kognitiven Verarbeitung interagieren. In diesem Sinn wurde das hierarchische Mehrkomponentenmodell des Arbeitsgedächtnisses von Baddeley und Hitch populär, welches sich u. a. auf zwei Modalitäten beschränkt. Es ist ein dynamisches Konzept, das sich als eine alternative Konzeption zu der eingangs skizzierten statischen und zeitlich konzipierten Kurzzeitspeicherung von Atkinson und Shiffrin versteht, indem es eine passive modalitätsspezifische Speicherung (visuell-räumlich; akustisch, insbesondere phonologisch) mit Kapazitätsbegrenzung sowie eine aktive Komponente zur Verbesserung der Kurzzeitgedächtnisleistung postuliert.

Weil phonologische Verarbeitung ein Aspekt von Sprachverarbeitung ist, spricht man auch vom verbalen AG. Erfahrungsbasierte Erklärungsansätze führen interindividuelle Leistungsunterschiede im verbalen AG auf unterschiedliche Erfahrung mit verschiedenen Sprachelementen zurück. Damit unterscheidet sich das verbale AG konzeptuell nicht mehr vom Phänomen „Sprachverarbeitung“. Psycholinguistische Modelle zur Sprachverarbeitung sehen im verbalen AG die Aktivierung von LZG-Repräsentationen, z. B. semantisch-lexikalischer Information.

Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf das Baddeley-Modell zum AG, das für Praxis und Forschung in der Kognitiven Psychologie, Entwicklungspsychologie, Pädagogischen Psychologie, Sprachtherapie, Kognitiven Neuropsychologie, Klinischen Neuropsychologie und in verschiedenen Fachgebieten der Klinischen Medizin eine weitestgehend etablierte Basis darstellt. Es thematisiert die Verarbeitung auditiver sowie visuell-räumlicher Information und lässt prozessorientierte Ansätze außer Acht.

Lesen Sie den gesamten Beitrag hier: Das Arbeitsgedächtnis – eine Bestandsaufnahme

Aus der Zeitschrift: Sprache Stimme Gehör

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