• Hörende Kinder von gehörlosen Eltern leben im Spannungsfeld von unterschiedlichen kulturellen Umgebungen. Falls es dabei zu Beeinträchtigungen in der Entwicklung kommt, bedarf es spezialisierter professioneller Unterstützungssysteme.

     

Chancen und Risiken in der Entwicklung von hörenden Kindern gehörloser Eltern

Hörende Kinder von gehörlosen Eltern leben im Spannungsfeld von unterschiedlichen kulturellen Umgebungen. Sprachliche und psychosoziale Auswirkungen der Familiensituation sind besonders von Interesse für die Forschung. Überwiegend wird die Situation trotz teilweise beträchtlicher Belastungen gemeistert. Insoweit es zu Beeinträchtigungen in der Entwicklung kommt bzw. diese drohen, bedarf es spezialisierter professioneller Unterstützungssysteme.

Die deutschsprachige Forschung beschäftigt sich nur wenig mit der besonderen Situation von hörenden Kindern und deren gehörlosen Eltern. Kinder von gehörlosen Eltern sind zu 90 – 95 % hörend. In den letzten Jahren hat sich auch in Deutschland für hörende Kinder gehörloser Eltern der Begriff Coda (children of deaf adults) durchgesetzt.
Die englischsprachige Forschung kann auf den Beginn in den 70er/80er-Jahren des letzten Jahrhunderts zurückblicken. Hier liegt ein deutlicher Schwerpunkt auf der Sprachentwicklung. Viele Aussagen zu Codas und ihren Eltern beziehen sich auf die amerikanische Forschung, sind deshalb nicht so ohne Weiteres auf deutsche Verhältnisse anzuwenden. Einschränkend ist zu vermerken, dass die Untersuchungsgruppen oft klein sind bzw. das Bildungsniveau der Untersuchungsteilnehmer/innen einseitig hoch ist.

Ambiguität und Identitätsarbeit

Eine Coda äußerte auf die Frage nach möglichen Problemen: „Der schreckliche Moment, wenn du winkst und auf den Boden stampfst um Aufmerksamkeit zu bekommen, und du bemerkst, dass du von Hörenden umgeben bist.“ Offensichtlich peinlich für die junge Frau und vermutlich auf Unverständnis und Irritation stoßend bei den Hörenden schildert sie das Zusammentreffen von Verhaltensweisen, die in unterschiedlichen Kontexten erlernt wurden. Die Notwendigkeit, die Aufmerksamkeit der gehörlosen Eltern durch visuelle Zugehensweisen zu gewinnen, prallt auf die für ein hörendes Umfeld geschaffene, mehr auditiv orientierte und scheinbar „diskreter“ agierende Art. Missverständnisse zwischen hörendem Umfeld und Codas sind vorprogrammiert. So wird z. B. eine bestimmte Mimik, in der wh-Fragewörter (z. B. who, where) in American Sign Language (ASL) produziert werden, als Ausdruck von negativen Affekten fehlgedeutet. Familien mit hörenden Kindern und gehörlosen Eltern leben in einem Spannungsfeld zwischen Normen und Werten, die jeweils in einer hörenden und einer gehörlosen Umgebung gelten. Gehörlose Menschen sehen sich in der Regel als nicht behindert, während das hörende Umfeld ihr So-Sein nicht nur als unterschiedlich, sondern als behindert betrachtet. Die Gebärdensprache als ihr Kommunikationsmittel in der Familie und in der Gehörlosengemeinschaft, von ihnen als alltäglich von Beginn an erlebt, erfährt in der Gesellschaft eine besondere Beachtung. Sie fällt auf, markiert einen Unterschied zur Sprache der hörenden Mehrheitsgesellschaft und wird teilweise immer noch nicht als „richtige“ Sprache gesehen. Codas leben diesen Spagat. Sie sind besonders dadurch, dass ihre Eltern anders sind.
Hören und Sprechen markieren die Unterschiede zu den Eltern und bedeuten gleichzeitig eine Ressource für die Kinder. Die Realisierung der Differenzen zu den Eltern ist ein Prozess, der sehr individuell und je nach Umfeld geleistet wird; oft wird er durch den Besuch des Kindergartens und der Schule ausgelöst.
Codas beschreiben ihre Erfahrungen als Außenseiter, als Fremde, als Mittelsmänner und -frauen oder als jemand, der gleichsam an eine gläserne Decke stößt. Sie betrachten sich als Gruppe mit eigener Identität jenseits der Zugehörigkeit zur hörenden Mehrheit und gehörlosen Minderheit. Sie erleben somit vermehrt Konflikte zwischen hörenden und gehörlosen Werten, Normen und Verhaltensweisen.

 

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: „Taub im Kopf?“ – Chancen und Risiken in der Entwicklung von hörenden Kindern gehörloser Eltern

Aus der Zeitschrift Sprache • Stimme • Gehör 01/2016

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