• Kinderwunschbehandlung

    In Deutschland haben etwa 15 % der Paare Probleme, sich den Wunsch nach einem leiblichen Kind zu erfüllen. (Bildquelle:© Alexander Raths - Fotolia.com)

     

Kinderwunsch – richtig beraten und behandeln

Obwohl das Thema ungewollte Kinderlosigkeit weit verbreitet ist, haftet ihm ein gesellschaftliches Stigma an; nicht selten führt es zu Lebens- und Partnerschaftskrisen. Umso wichtiger sind eine einfühlsame Beratung, Diagnostik und Therapie.

Ist der Entschluss gefasst, eine Familie zu gründen, macht sich zunächst kaum ein Paar Gedanken darüber, dass es nicht funktionieren könnte. Dass direkt nach Absetzen der Verhütungsmittel ein positiver Schwangerschaftstest folgt, ist eher selten – findet jedoch über mehrere Monate keine Befruchtung statt, sind viele Betroffene zunächst erstaunt und mit der Zeit zunehmend beunruhigt. Nach einem Jahr regelmäßigem ungeschützten Geschlechtsverkehr ohne Schwangerschaft spricht man von einer sterilen Partnerschaft.

Die erste Anlaufstelle, um mögliche Gründe abzuklären, ist für die meisten Frauen der Gynäkologe. Dabei liegen die körperlichen Ursachen für einen unerfüllten Kinderwunsch nur zu rund einem Drittel bei der Frau, zu einem weiteren Drittel beim Mann und in vielen Fällen auch bei beiden Partnern. Nur noch bei zehn Prozent der sterilen Paare bleiben die Ursachen heute ungeklärt.

 

Diagnostisches Vorgehen und Überweisung

Grundlage der Sterilitätsdiagnostik bei der Frau ist eine ausführliche und einfühlsame Anamnese:

  • Wie lange besteht der Kinderwunsch und wie häufig ist der Geschlechtsverkehr?
  • Gab es zuvor Schwangerschaften? (Fehlgeburten, Schwangerschaftsabbrüche?)
  • Trat das Problem bereits in früheren Partnerschaften auf?
  • Wie verläuft der Zyklus? Ist die Blutung besonders lang oder schmerzhaft? (Endometriose?)
  • Gab es Bauchoperationen oder gynäkologische Eingriffe in der Vergangenheit?
  • Liegen chronisch-entzündliche Erkrankungen oder Stoffwechselerkrankungen vor?
  • Treten Hitzewallungen oder Schweißausbrüche auf? (Ovarialinsuffizienz?)
  • Gibt es Hinweise auf eine unentdeckte Schilddrüsenfehlfunktion?
  • Welche Medikamente werden eingenommen?
  • Wie steht es um den Alkohol-, Nikotin- und Drogenkonsum?
  • Besteht starker Stress im beruflichen oder privaten Umfeld?

Auch ein Gespräch mit dem Partner der Frau ist wichtig. In manchen Fällen ist es sinnvoll, mit beiden getrennt zu reden. Genau wie die Patientin, sollte sich auch ihr Partner einer körperlichen Untersuchung bei einem Spezialisten (Urologe, Androloge) unterziehen und ein Spermiogramm erstellten lassen.

Körperliche Untersuchung, Vaginalsonografie, infektiologische Diagnostik (durch Blutuntersuchung und Zervixabstrich) und ein Hormonstatus können Aufschluss über mögliche Ursachen der ungewollten Kinderlosigkeit geben. Sind Spezialuntersuchungen wie eine Hysterosalpingo-Kontrastsonografie erforderlich, wird dazu zumeist an einen Reproduktionsmediziner bzw. eine Kinderwunschklinik überwiesen. Dies gilt immer, wenn die diagnostischen oder therapeutischen Anforderungen in der gynäkologischen Praxis nicht gegeben sind. Wenn das Paar schon seit mehr als zwei Jahren versucht, ein Kind zu bekommen oder die Patientin älter als 35 Jahre ist, ist es sinnvoll, sie sofort an eine spezialisierte Einrichtung zu überweisen.

 

Erste Maßnahmen in der Praxis

Ein entscheidender Bestandteil der Basisdiagnostik ist, die Patientin zu einer genauen Zyklusbeobachtung anzuhalten. In vielen Fällen ist es ratsam, der Frau mit Kinderwunsch genau zu erklären, wann und wie eine Befruchtung stattfinden kann und wie sie den Zeitpunkt ihres Eisprungs eingrenzen kann. Im Idealfall orientiert sie sich dafür an den Regeln der Natürlichen Familienplanung (NFP):

  • Jeden Morgen zur gleichen Zeit die Basaltemperatur messen
  • Menge und Konsistenz des Zervixschleims beobachten
  • Festhalten und Auswerten mithilfe einer Tabelle (inkl. eventueller Störfaktoren)

Durch diese Form der Zyklusbeobachtung kann die Patientin feststellen, ob und wann ein Eisprung stattfindet und an welchen Tagen ihres Zyklus eine Befruchtung am wahrscheinlichsten ist. Allein dies ist Paaren mit Kinderwunsch oft eine große Hilfe, wenn keine physisch bedingte Fertilitätsstörung vorliegt. Die Kalendermethode ist weniger genau und gibt auch keinen Aufschluss darüber, ob tatsächlich ein Eisprung stattfindet.

Im Zweifelsfall kann die Zyklusbeobachtung unterstützt werden, indem die Follikelaktivität mit regelmäßigen sonografischen Untersuchungen kontrolliert wird. Stellt sich heraus, dass gar keine oder eine nur ungenügende Follikelreifung stattfindet, folgt normalerweise eine Hormonstimulation mit Clomifen. Schlägt diese nicht an, ist die Injektionstherapie mit FSH oder HMG eine weitere Option. Bei Hormontherapien jeder Art ist es wichtig, die möglichen Nebenwirkungen zu berücksichtigen und die Patientin entsprechend aufzuklären.

 

Psychische Belastungen

Wenn feststeht, dass ein Paar keine Kinder bekommen kann, gibt es unter dem Überbegriff Kinderwunschbehandlung verschiedene Vorgehensweisen. Je nach vorliegender Diagnose kommen in reproduktionsmedizinischen Einrichtungen etwa die Intrauterine Insemination (IUI), die In-vitro-Fertilisation (IVF) oder die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) zum Einsatz.

Der überweisende Gynäkologe bleibt dabei zumeist in einer unterstützenden und beratenden Position. Nicht selten werden hierbei auch typische psychosomatische Probleme und Bedürfnisse der Patientin deutlich, die oft mit der Sterilität oder der Kinderwunschbehandlung einhergehen:

  • Verunsicherung und vermindertes Selbstwertgefühl
  • Traurigkeit bis hin zu depressiven Verstimmungen
  • Emotionale und sexuelle Probleme in der Partnerschaft

Die Beratung dieser Patientinnen erfordert viel Einfühlungsvermögen. In manchen Fällen ist es nötig, ihnen eine geeignete Beratungsstelle (z.B. ProFamilia) zu empfehlen oder sie an einen Psychotherapeuten zu verweisen.

 

Mit „Kinderwunschbehandlung in der gynäkologischen Praxis von Christoph Keck erscheint Ende 2013 im Georg Thieme Verlag ein Fachbuch, das die einzelnen Aspekte des Themenkomplexes Kinderwunsch abdeckt und vertieft.

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