Fällt Mutterliebe vom Himmel?

Gegenwärtig wird Mutterliebe als innige, tiefe Liebe und Schutz eher romantisiert, als ein Gefühl, das sich automatisch bei jeder Mutter spätestens mit der Geburt ihres Kindes einzustellen hat. Ambivalente oder gar ablehnende Gefühle seitens der Mutter oder des Vaters gegenüber dem Neugeborenen haben hier, so scheint es, keinen Platz. Kinder wachsen heute zum Großteil in Kleinfamilien auf – häufig mit den Eltern als einzigen Bezugspersonen. Sie sind dadurch im besonderen Maße von der Liebe und Fürsorge ihrer Eltern abhängig, da kein anderes Familienmitglied wie früher in den Großfamilien üblich, hierfür zur Verfügung steht.  

Von Liebeshormonen und anderen Listen der Natur

Mutterliebe ist seit alters her indes als Trick der Natur zu verstehen, der Mütter für ihre Kinder vieles tun lässt, was sie für keinen anderen Menschen auf sich nehmen würden. Wie nun aber entsteht diese enge Bindung einer Mutter zu ihrem Kind?  

Den direkten Schlüssel stellt das Hormon Oxytocin dar. Es wird deshalb auch Bindungs- oder Liebeshormon genannt. Es wird beim Sex ausgeschüttet, beim zärtlichen Streicheln, vor allem der Oberkörpervorderseite, beim Stimulieren der Brustwarzen. Bei Frauen unter der Geburt wird es mit den Wehen und der zunehmenden Eröffnung des Muttermundes ausgeschüttet. Oxytocin führt nachweislich zur Reduzierung von Ängsten und zu mehr Gelassenheit. Es wirkt Stress reduzierend und fördert zwischenmenschlichen Kontakt und verlässliche Bindungen. Aber auch andere Hormone spielen bei der Geburt eine wichtige Rolle. Vor allem in der letzten Phase, wenn der Muttermund sich ganz öffnet und das Baby voranschiebt, schüttet der Körper große Mengen Endorphine aus, die eine morphinähnliche Struktur besitzen. Sie wirken schmerzlindernd und angstlösend und erleichtern Mutter und Kind die Geburt. Wenn beide sich möglichst ungestört, ohne Interventionen oder Störungen seitens der Geburtshelfer, nach der Geburt diesem Hormon-Cocktail wie im Rausch hingeben dürfen, ist schon ein wunderbarer Anfang für eine gelungene Mutter-Kind-Bindung gemacht.  

Mutterliebe kann man lernen

Der Genuss des »Hormonhighs« alleine ist jedoch nicht der einzige Weg, wie Mutterliebe wächst. Beim Menschen spielen eigene Erfahrung und Lernen eine wesentliche Rolle. Wissenschaftlich wird derzeit angenommen, dass eine frühe gelungene Bindung ebenso wie eine mangelnde Bindung eines Kindes nachhaltig dessen eigene Liebesfähigkeit programmiert. Auch eine gute oder schlechte Ansprechbarkeit auf das Hormon Oxytocin, und damit seine Wirksamkeit, spielen eine Rolle. Lieblosigkeit kann so durch die Generationen weitergegeben werden. Besonders leicht scheint hingegen ein Bindungsaufbau zu gelingen, wenn die Eltern selbst von Anfang an eine liebevolle Beziehung zur eigenen Mutter oder verlässlichen Bezugsperson erlebt haben. Unterstützend ist auch, wenn die Mutter in der Schwangerschaft Angenommensein und Liebe von ihrer Umgebung erfährt. Im englischsprachigen Raum ist dies als »Mothering the mother« bekannt.  

Lassen Sie sich von Vertrauen tragen  

Trauen Sie sich, sich ganz dem Rausch der Hormone hinzugeben. Versuchen Sie, wenn möglich, Ihr Kind innerhalb der ersten Stunde nach der Geburt bereits für den ersten Stillversuch anzulegen. Dabei wird noch mehr Oxytocin ausgeschüttet. Lassen Sie sich dabei von dem Gefühl der Verantwortung für dieses kleine Wesen nicht überrollen. In unserer Gesellschaft stehen Ihnen vielfältige Hilfs- und Beratungsangebote zur Seite, damit das Leben mit einem Kind und Elternschaft gut gelingen kann.  

Holen Sie sich Unterstützung  

Manche Frauen spüren, dass ihr Kind in ihnen in den ersten 6–8 Wochen nach der Geburt kaum mehr Gefühl als verantwortungsbewusstes Versorgen und Pflegen auslöst. Manchen fällt sogar das schwer. Dann holen Sie sich unbedingt fachlich kompetente Unterstützung. Schließlich wird Ihr Kind voraussichtlich in den nächsten 16–18 Jahren bei Ihnen leben. Gemeinsam werden Sie noch viele wunderbare, aber auch herausfordernde Momente erfahren.  

Sie können sich bereits in der Schwangerschaft Unterstützung holen. Das ist immer dann sinnvoll, wenn Sie wissen, dass Ihre eigene Kindheit, vielleicht sogar schon die Babyzeit, sehr schwierig für Sie und Ihre Eltern war. Wenn Sie beispielsweise Trennungsphasen von  Ihrer engsten Bezugsperson erfahren haben oder diese sehr unzuverlässig war. Oder wenn Sie den Eindruck haben, zu wenig Elternliebe bekommen zu haben, oder bei Ihren engen Bezugspersonen in der Familie psychische Probleme wie Depressionen oder Suchtverhalten aufgetreten sind.

Mutterliebe entsteht auch unter schwierigen Bedingungen  

Die intellektuelle Fähigkeit und Flexibilität unseres Gehirns ermöglicht uns jedoch auch in schwierigen, von der Natur nicht intuitiv eingeplanten Situationen, klug und emotional zu handeln. So entwickeln Frauen sehr wohl innige Mutterliebe zu ihren Kindern, wenn diese per Kaiserschnitt in Vollnarkose geboren wurden, die Geburt schwierig und stressvoll verlaufen ist oder Mutter und Kind nach der Geburt getrennt wurden. Bewiesen ist allerdings auch, dass dies aus evolutionsbiologischer Sicht keinen optimalen Start für die Mutter-Kind-Bindung darstellt. Ausbleiben muss sie deswegen aber nicht.

Das ist wichtig

  • Sicher ist, dass Mutterliebe nicht einfach vom Tag der Geburt an selbstverständlich da ist, sondern durch komplizierte und vielfältige Interaktionen zwischen Mutter und Kind entsteht. Wie schnell dies geschieht, ist individuell sehr verschieden.  
  • Vergessen Sie nie: Sie sind nicht allein, und seit vielen, vielen Generationen übernehmen Eltern die Verantwortung für Kinder. Sie werden es sicher unendlich genießen, Ihr Kind, so oft es geht, bei sich zu haben. Aber bitte kein Zwang!
  • Trauen Sie sich, sich auf den offenen Blick Ihres Kindes einzulassen und den Augenkontakt neugierig zu halten. Nehmen Sie sich für die Zeit des Wochenbettes nichts anderes vor, als Ihr Kind kennenzulernen. Damit helfen Sie sich und Ihrem Baby schon sehr viel.
  • Sie und Ihr Kind sind es wert, dass Sie die Unterstützung bekommen, die Sie brauchen, um gestärkt und liebevoll Mutterschaft leben zu können!