Rauchgas: Zyanidvergiftung gezielter behandeln – Nachgefragt bei Prof. Dr. Götz Geldner

  • © Thieme Verlagsgruppe, Renate Stockinger

    Mit der Adventszeit nehmen nicht nur der Verbrauch von Kerzen, sondern leider auch Notfalleinsätze wegen Rauchgasvergiftungen zu.

     

Bei Wohnungsbränden entstehen die unterschiedlichsten Reiz- und Giftgase, darunter auch Blausäure (HCN). Das Gas wirkt deutlich schneller als Kohlenmonoxid (CO): Konzentrationen in der Umgebungsluft von 200 – 300 ppm führen innerhalb von Minuten zum Tod. Anders als bei Kohlenmonoxid ist die Konzentration von Zyanidionen (CN–) im Blut des Patienten allerdings sehr aufwendig zu messen.

Ein europäisches Wissenschaftlerteam hat untersucht, welche klinischen Symptome auf eine solche Intoxikation hinweisen und wann sich die sofortige Gabe von Hydroxocobalamin als Antidot empfiehlt. Wir haben nachgefragt beim Erstautor der Studie, Prof. Dr. Götz Geldner.

Was war die Motivation für die Studie?

Wir wollten klären, welche Patienten mit Rauchgasvergiftungen von Hydroxocobalamin profitieren: Soll man es immer und jedem geben? Falls nicht: Wie kann man den Grad der Vergiftung schon vor Ort abschätzen? Dafür existierten bisher nur auf Expertenmeinung basierende Empfehlungen, aber wenig Evidenz.


Warum?

Hydroxocobalamin hat erst vor Kurzem als Cyanokit® die europäische Zulassung erhalten, sodass es hierzulande noch wenig Erfahrungen damit gibt. In Frankreich wird es schon seit Längerem eingesetzt.


Bei welchen Bränden entsteht Zyanid?

In Wohnungen sind v. a. Kunststoffe und Wolle für die Freisetzung verantwortlich. Wo es z. B. viele Teppiche, Vorhänge und Polstermöbel gibt, entwickelt sich mehr Blausäure als in Wohnungen mit Steinfußboden und Holzmöbeln. Das war übrigens einer der Gründe, warum die Studie international angelegt war: Wir wollten die unterschiedlichen, teilweise landestypischen Wohnungseinrichtungen berücksichtigen.


Welche Patienten wurden eingeschlossen?

Alle Opfer von Bränden in geschlossenen Räumen, die charakteristischen klinischen Symptome wie Rußablagerungen zeigten oder einen auffälligen neurologischen Status hatten.

Letztendlich gingen 102 Patienten in die Auswertung ein, davon waren 62 % männlich, das Durchschnittsalter betrug 49 Jahre. Wir hätten gern noch mehr Patienten untersucht – aber die Studie hat auch so schon 2 Jahre gedauert.


Welche Parameter untersuchten Sie?

Im Wesentlichen ging es uns um die Korrelation der Zyanidkonzentration im Blut mit klinischen Symptomen. Dafür entnahmen wir jedem Patienten Blut aus der Vene, bevor er ggf. das Antidot erhielt. Ein Zentrallabor bestimmte dann die Zyanidkonzentration per Hochleistungsflüssigkeitschromatografie (high performance liquid chromatography, HPLC).

 

Zur Person
Prof. Dr. med. Götz Geldner ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Schmerztherapie und Notfallmedizin am Klinikum Ludwigsburg.

 

Das gesamte Interview können Sie hier abrufen.

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