• Notarztteam

     

Entscheidungsfindung in der Akut- und Notfallmedizin

Notfallmedizinisches Handeln erfordert neben fachlicher Expertise die Fähigkeit, trotz äußerer Einflussfaktoren wie z. B. Stress und Zeitdruck sinnvolle Entscheidungen treffen zu können. Insbesondere als Teamleiter ist es essenziell, die vorhandenen Ressourcen innerhalb eines Teams, aber auch der Umgebung effektiv zu nutzen.

Fallbeispiel

Es war einer dieser Einsätze, von denen Alexander (Name redaktionell geändert) gehofft hatte, dass er sie nie erleben würde. Um 9:15 Uhr wurde die Morgenroutine mit der Alarmdepesche: „Kleinkind von Pkw überrollt“ unterbrochen. Bereits auf der Anfahrt gingen Alexander verschiedene Szenarien und deren mögliche Bewältigung durch den Kopf. Er war sich durchaus bewusst, dass dieser Einsatz eine große Herausforderung nicht nur für ihn, sondern für das gesamte Team darstellen würde.

In einer Hauseinfahrt lag ein etwa 3-jähriges Kleinkind mit dem Rücken auf dem Boden. Im ersten Ersteindruck war es blass, bewusstlos und verfügte lediglich über eine Schnappatmung. Scheinbar hatte der Vater seinen eigenen Sohn beim Rückwärtsfahren mit dem Pkw versehentlich überrollt.

Allen Beteiligten war bewusst, wie dramatisch die Lage war und wie sehr die Zeit von nun an gegen sie arbeiten würde. Für eine Übergabe schien keine Zeit, und aufgrund einer enormen Dynamik entwickelte sich die Teamführung eher autonom: Jeder machte das, was ihm situativ sinnvoll erschien. Mit dem zusätzlichen Personal und den verschiedenen Materialien, die nun neben dem Kind verteilt wurden, geriet die Einsatzstelle zunehmend außer Kontrolle. Immer wieder wurde der Trauma-Algorithmus durch Fragen, Meinungen und Vorschläge unterbrochen. Neben der einsatzbedingten Komplexität stieg auch die Dynamik, und allen Beteiligten war der Stress deutlich anzumerken. Auf der Suche nach einer Beckenschlinge wurden mehrere Modultaschen geöffnet, und der jeweilige Inhalt verteilte sich über die Einsatzstelle, es brach allgemeine Hektik aus.

Menschliches Leistungsvermögen

Aufgrund intensiver Unfallursachenanalyse in der US-amerikanischen Luft- und Raumfahrt ist man bereits in den 1960er-Jahren zu der Erkenntnis gelangt, dass neben einer fachlichen Kompetenz und manuellen Fertigkeiten (Skills) auch menschliche Wahrnehmung bzw. die kognitive Verarbeitung von Informationen, aber auch die Interaktion im Team und somit Kommunikation und Hierarchiestrukturen eine wichtige Rolle in der Bewältigung alltäglicher und außergewöhnlicher Situationen spielen. Somit etablierte sich die Differenzierung zwischen

  • „technical Skills“ (TS) für die fachlichen und manuellen Kompetenzen und
  • „non-technical Skills“ (NTS), welche auch als „menschliche Faktoren“ umschrieben werden.

Hierzu zählt etwas weiter gefasst neben der Risiko- und Fehlerwahrnehmung und dem Prozess der Entscheidungsfindung auch der Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen wie der charakterlichen Disposition und durch Erfahrungen erworbene Einstellungen. Es begann die Erfolgsgeschichte des Crew-Ressource-Managements (CRM), welches ein neues Kapitel der Sicherheits- und Fehlerkultur in der Luftfahrt einläutete.

Ende der 1990er-Jahre wurden diese Erkenntnisse dann erstmals auch für die Notfall- bzw. Akutmedizin untersucht und publiziert. Auch hier konnte festgestellt werden, dass menschliche Leistung einen erheblichen Einfluss auf die Versorgungsqualität und Patientensicherheit hat.

Ein ganz wesentliches Merkmal menschlicher Leistungsfähigkeit sind dabei die sogenannten „kognitiven Ressourcen“, welche im Modell von Andreas Richter auch als „grüne Kügelchen“ umschrieben werden. Diese Ressourcen ermöglichen uns die bewusste Nutzung wichtiger Eigenschaften wie beispielsweise die Fähigkeit der objektiven Wahrnehmung von Sinneseindrücken, die Wahrung des Gesamtüberblicks, die Festlegung von Prioritäten, aber auch die Entwicklung kreativer Ideen und Lösungen oder eine gewisse Antizipation der Ereignisse. Die grünen Kügelchen stehen dabei für verfügbare kognitive Ressourcen, während in dem Modell die roten Kügelchen verbrauchte, also nicht mehr nutzbare kognitive Ressourcen symbolisieren.

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Aus der Zeitschrift Notfallmedizin up2date 01/2019

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