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Anästhesie und Organprotektion – Nur Mittel zum Zweck (nicht weiter zu schädigen) oder gar „Heilschlaf“?

Als der Bericht von Henry Jacob Bigelow über die „Insensibility during surgical operations produced by inhalation“ am 18.11.1846 im Boston Medical and Surgical Journal (heute: N Engl J Med) erschien, stand die Empfindungslosigkeit („Insensibility“) als Novum ganz im Vordergrund. Und damit verbunden die Verwunderung darüber, dass gewollt und zeitlich begrenzt das Bewusstsein derart beeinflusst werden konnte, dass eine chirurgische Prozedur – zunächst eine Tumorentfernung am Kiefer bzw. Hals – ohne die sonst übliche drastische Schmerzäußerung durchgeführt werden konnte.

Chirurgie ohne Schmerz

Die Einführung des Chloroforms im Jahre 1847 durch James Young Simpson zu Narkosezwecken sowie auch dessen Einsatz bei der geburtshilflichen Anästhesie bei Königin Victoria am 7. April 1853 anlässlich der Geburt von Prinz Leopold durch John Snow war von dem Wunsch geprägt, Abhilfe gegen – bis dato unerträgliches – Leid im Rahmen eines chirurgischen Eingriffs bzw. während der Geburt zu schaffen.


Neue Möglichkeiten

Danach folgten die Pionierzeiten mit der ersten Durchführung einer Kaiserschnittentbindung am 25. Januar 1847, der ersten Appendektomie (27. April 1887), ersten Anwendungen der Spinalanästhesie durch August Bier (16. August 1897) und der (spinalen) geburtshilflichen Analgesie in Basel durch Oskar Kreis im Jahre 1899 sowie mit zahlreichen pharmakologischen Entwicklungen. Diese Zeiten waren mehr oder minder allesamt geprägt von der zunehmenden Realisierbarkeit chirurgischer Eingriffe – zunächst einmal generell und später auch vermehrt bei Patienten mit Vorerkrankungen und Leistungseinschränkungen.

Naturgemäß erschienen bald auch erste Berichte von Zwischenfällen im Kontext der Chloroform- oder Lachgasanalgesie (1848 bzw. 1873). Doch im Großen und Ganzen kannte die Entwicklung nur eine Richtung:

  • Eingriffe wurden zunächst überhaupt möglich und waren später mit zunehmend geringerer Morbidität und Letalität assoziiert.


Entwicklung der anästhesiebezogenen Letalität

Eine im Jahr 2012 publizierte Zusammenschau der perioperativen und anästhesiebezogenen Letalität kommt im Rahmen der metaanalytischen Aufarbeitung von 87 Studien an insgesamt 21,4 Mio. Anästhesien zu einer auf die Anästhesie bezogenen Letalität von

  • 357/1 Mio. für den Zeitraum vor 1970,
  • 52/1 Mio. im Zeitraum 1970–1980 und
  • 34/1 Mio. für den Zeitraum 1990–2000.
Derzeit wird – basierend auf einer anderen Datenbasis – von etwa 8,2 anästhesiebedingten Todesfällen pro 1 Mio. Krankenhausentlassungen ausgegangen. Naturgemäß gibt es verfahrensimmanente Unsicherheiten in der jeweiligen Abschätzung.

Rückgang der perioperativen Mortalität

Gleichzeitig zeigt sich ein Rückgang der perioperativen Mortalität

  • von 10 603/1 Mio. (vor 1970),
  • über 4533/1 Mio. (1970–1980)
  • hin zu 1176/1 Mio. (1990–2000).
Daraus schlussfolgern die analysierenden Autoren, dass trotz des gestiegenen Ausgangsrisikos die perioperative Mortalität drastisch sinkt. Es zeigen sich hierbei ausgeprägte regionale Disparitäten und der positive Trend ist nachvollziehbarer Weise besonders stark in den sog. „entwickelten Ländern“ mit hohem Human Development Index (HDI) zu verzeichnen.


Auch eine Frage der Relation

Betrachtet man die Mortalitätsraten, darf dabei gleichwohl die Exposition(-swahrscheinlichkeit) nicht außer Acht gelassen werden. Zwar relativiert die niedrige Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses das Bedrohungspotenzial für den individuellen Patienten.

  • Berücksichtigt man jedoch auch die Expositionswahrscheinlichkeit für einen chirurgischen Eingriff, sind die absoluten Zahlen nicht unerheblich.
So wurde für WHO-Mitgliedsstaaten mit hohen Gesundheitsausgaben (> 1000 US-Dollar pro Kopf und Jahr) eine Rate von 11 110 Eingriffen pro 100 000 Einwohner pro Jahr berechnet. Somit unterzieht sich in etwa ein Zehntel der dortigen Populationen jährlich einem operativen Eingriff. Bezogen auf die oben dargelegte perioperative Mortalität (1176/1 Mio.) ist die auf diese Weise approximierte perioperative Mortalität nicht unwesentlich.


Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Anästhesie und Organprotektion – Nur Mittel zum Zweck (nicht weiter zu schädigen) oder gar „Heilschlaf“?

Aus der Zeitschrift AINS 9/2015


 

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