• Alarm Fatigue - Intensivmedizin - Georg Thieme Verlag

     

Alarm Fatigue - Wieviel Lärm verträgt der Mensch?

Durch zunehmende Technisierung in der Anästhesiologie und Intensivmedizin steigen sowohl Anzahl der Geräte als auch deren visuelle und akustische Alarme. Die meisten aller Alarme sind jedoch Fehlalarme, was bei den Mitarbeitern zu Frustration, Aggression und Fehlverhalten führt. Ein Übersichtsartikel der Fachzeitschrift AINS fasst die Risikofaktoren für die Entstehung von „Alarm-Fatigue“ zusammen und gibt einen Ausblick auf mögliche Lösungsstrategien.

Mitarbeiter von Intensivstationen hören bei ihrer täglichen Arbeit eine Vielzahl von Alarmen. Mit zunehmender Technisierung und Zunahme der Invasivität der Patientenüberwachung steigt die Anzahl von Alarmen und Fehlalarmen. Dies führt zu einer Desensibilisierung und damit zu einer Gefährdung der Patienten.

Im Operationssaal und auf der Intensivstation überwachen zahlreiche Medizingeräte die Lebensfunktionen der Patienten und erleichtern angemessene Behandlung wie auch Arbeit der Mitarbeiter. Nahezu jedes dieser Geräte vermag Alarme zu generieren. Alarme verkürzen idealerweise die Reaktionszeit zwischen dem Auftreten eines Problems und einer Intervention. Sie sind daher nicht nur unerlässlich für die Patientensicherheit, sondern können auch lebensrettend sein. Alarme sind im klinischen Alltag weiterhin der Goldstandard.

Alarme sind in der Regel akustische Signale; zudem erscheint häufig gleichzeitig ein visueller Hinweis, der nach Definition des European Committee for Standardization (CEN, Comité Européen de Normalisation) mit zunehmender Priorität gelb aufleuchtet oder gelb bzw. rot blinkt. Die aktuell gültige Version dieser Norm ist die BS EN 60601-1-8:2007+A1:2013. Das Ertönen eines Alarms dient dazu, die Aufmerksamkeit des Personals auf einen Patienten oder ein Gerät zu lenken, und zwar unabhängig davon, mit welcher Aufgabe das Personal momentan betraut ist. Sie erklingen, wenn z. B. voreingestellte Alarmgrenzen für eine gewisse Zeit über- oder unterschritten werden, das EKG einen pathologischen Rhythmus zu reflektieren scheint, ein Akku schwach oder ein Bett nicht an den Strom angeschlossen ist. Auch technische Alarme können vor potenziell lebensbedrohlichen Situationen warnen.

Verschiedene Studien zeigen, dass jeder Intensivpatient und dessen Behandlung mehr als 6 Alarme pro Stunde verursachen. Die Mehrheit dieser Alarme, bis zu 90%, ist jedoch falsch positiv, also ein Fehlalarm, führt dennoch oftmals zu einer Unterbrechung der Arbeit und begünstigt die Entstehung möglichen Fehlverhaltens von Mitarbeitern: Alarmgrenzen werden in kritische Bereiche verstellt, damit seltener ein Alarm ertönt, die Lautstärke wird so stark reduziert, dass der Alarm überhört werden kann, oder er wird gänzlich ignoriert. Auf einer Intensivstation in einer Klinik in Salt Lake City blieben 41% aller Alarme vom Personal völlig unbeantwortet, kein Mitarbeiter betrat nach dem Ertönen des Alarms das Patientenzimmer.

Merke
Die zahlreichen Alarme führen zu einer Desensibilisierung des Personals mit abnehmender oder verspäteter Beachtung, weil den Alarmen weniger Vertrauen geschenkt wird. Dies bezeichnet man als „Alarm-Fatigue“.

Die amerikanische Joint Commission on Accreditation of Healthcare Organizations, zuständig u. a. für die Zertifizierung amerikanischer Kliniken, warnt, dass eine Alarm-Fatigue die Patientensicherheit gefährdet. Das Emergency Care Research Institute benennt 2 Jahre in Folge die Alarm-Fatigue als größte medizintechnologische Gefahr.

Eine verspätete Reaktion auf tatsächlich lebensgefährliche Situationen, die sich akustisch nicht von den anderen Fehlalarmen unterscheiden lassen, kann zu dramatischen Folgen führen. Die Joint Commission berichtete zwischen Januar 2009 und Juni 2012 von 98 alarmbedingten Zwischenfällen, die zu 80 Todesfällen führten und bei 13 Patienten bleibende Schäden hinterließen, mutmaßlich durch Alarm-Fatigue verursacht oder verstärkt. Es ist aber davon auszugehen, dass die Dunkelziffer deutlich höher ist.

Merke
Korrekte Alarme unterstützen das Personal bei der Versorgung von Patienten, indem sie bei putativ lebensbedrohlichen Situationen informieren. Zahlreiche Fehlalarme sind andererseits eine Belastung von Personal und Arbeitsabläufen.

 

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag Alarm-Fatigue – wieviel Alarm verträgt der Mensch?

Aus der Zeitschrift AINS 7-8/2017

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Quelle

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