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„Surfen ist die Leidenschaft, die uns verbindet“

Die European Association of Surfing Doctors (EASD) ist die weltweit größte und führende Gemeinschaft von Medizinern aller Fachbereiche mit Leidenschaft fürs Surfen. Unter dem Motto „Keep the Surfer Healthy and Safe” teilen sie Wissen, Expertise und Erfahrungen mit der globalen Surf-Community. Dr. Corinna Geiger, begeistertes Mitglied, berichtet im Interview von ihren Erfahrungen.

> Wie sind Sie zum Surfen gekommen?

Das war ein ganz spontaner Entschluss vor etwa 2 Jahren: Ich habe eine Woche „Nachtdienstfrei“ genutzt, um nach Fuerteventura zu fliegen, und war dort in einem Surf-Camp. Das Surf-Fieber hat mich gleich mit der ersten Welle voll erwischt.

> Was ist so faszinierend an diesem Sport?

Man ist sehr eng mit der Natur verbunden! Es hat etwas Meditatives, und nach einem Tag Surfen ist man völlig fertig, es tut einem alles weh. Wenn man Pech hatte, hat man keine einzige gute Welle bekommen und ist die ganze Zeit durchgewaschen worden. Aber trotz allem – und das ist das Seltsame – ist man unglaublich zufrieden und glücklich. Surfen erdet einfach. Und wenn man dann eine Welle wirklich erwischt und entlanggleitet, ist das einfach ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Je nach Welle erfordert es schon ein bisschen Mut und Selbstüberwindung, aber man wird dafür belohnt.

> Wie sind Sie zu den Surfing Doctors gekommen?

Durch Zufall: In einem Surfer-Magazin entdeckte ich ein Interview mit Lisa Veith. Sie ist Profi-Surferin und Ärztin bei den Surfing Doctors. Als ich im Internet nach den Surfing Doctors suchte, sah ich, dass bald deren jährliche Konferenz in Sagres, Portugal, stattfand. Der Termin fiel genau in meine freien Tage, ich bin mit relativ wenigen Erwartungen dorthin geflogen – und extrem herzlich aufgenommen worden. Die Surfing Doctors sind keine große Organisation, und es geht sehr freundschaftlich zu, weil uns das gemeinsame Hobby verbindet. Außerdem finde ich es cool, dass so viele daran interessiert sind, den Sport sicherer zu machen. Es kommt doch immer wieder zu ernsthaften Verletzungen, Bewusstlosigkeit, sogar Todesfällen. Einige davon könnte man sicher verhindern.

> Wie wollen Sie das erreichen?

Derzeit sind die meisten Angebote für Ärzte, z. B. Kurse für Advanced Life Support. Dabei geht es v. a. um Wasserrettung und die spezifischen Krankheitsbilder. Aber jeder kann auch selbst etwas tun, deshalb gibt es die Surfer's Academy, einen Fortbildungstag für Nicht-Mediziner im Rahmen unserer jährlichen Konferenz, und demnächst sollen auch Basic-Life-Support-Kurse für Laien stattfinden. Wir haben eine Homepage mit Infos, aber wollen auch Ansprechpartner für Ärzte sein, die Surfer vor Ort oder nach der Rückkehr versorgen müssen. Zusätzlich versuchen wir, die Forschung voranzutreiben.

> Was untersucht die Surf-Forschung denn?

Zum Beispiel, wie es beim Surfen zu Verletzungen kommt. Ich selbst habe selbst eine Studie zu Freizeitsurfern durchgeführt. Dabei wollte ich herausfinden, ob die Zahl und Schwere der Verletzungen mit dem Alter zusammenhängt, mit der Erfahrung, dem surferischen Können oder auch den Surf-Tagen pro Jahr. Die meisten Leute denken, Anfänger verletzen sich am häufigsten – es stellte sich aber heraus, dass sich eher die fortgeschrittenen Surfer verletzen, weil sie mehr Risiken eingehen. Zudem sind ihre Verletzungen meist schwerer. Und: Männer surfen riskanter als Frauen, damit ist das männliche Geschlecht Risikofaktor Nr. 1.

> Was für Typen sind die Surfing Doctors?

Wir sind ein recht bunter Haufen: Alle sind verrückt nach Surfen, das ist die Leidenschaft, die uns verbindet. Die meisten sind zwischen 25 und 45 Jahre alt, manche aber auch über 50. Viele sind Unfallchirurgen, ein paar Allgemein- oder Notfallmediziner, Augen- und HNO-Ärzte, aber auch Dermatologen sind dabei. Manche Surfing Doctors haben eine wissenschaftliche Karriere hinter sich, Familie und Kinder. Es gibt aber natürlich auch die „coolen Surfer Dudes“, die noch ein bisschen jünger sind und das Leben genießen.

> Treffen Sie sich als Arzt-Kollegen oder Surfer-Freunde?

Halb und halb. Es ist wie überall auch: Mit manchen Leuten kommt man besser klar, mit anderen hat man nicht viel gemeinsam außer dem Surfen. Es entstehen aber auch sehr viele Freundschaften! Wenn man in ein Land reist und weiß, da wohnt einer von den Surfing Doctors, schläft man in der Regel entweder dort im Haus oder hat zumindest einen Ansprechpartner vor Ort. Das gefällt mir sehr.

> Was haben Sie selbst bisher bei Einsätzen erlebt?

Ich habe noch nicht offiziell bei einem Surf-Event gearbeitet. Aber das letzte Mal, als ich eigentlich im Urlaub war, ist im Surf-Camp unglaublich viel passiert: Wir hatten einen Rippenbruch, einen Bänderriss am Sprunggelenk, ein paar Schnittwunden, und ich habe mir die Nase gebrochen. Es fällt also schon immer was an. Mein kleines Medical-Kit habe ich stets dabei, sodass ich Verletzte zumindest erstversorgen kann.

> Sie haben letztes Jahr den Jahreskongress der EASD mit organisiert. Wie kamen Sie als Neuling dazu?

Ich hatte von mir aus Ideen eingebracht, z. B. als Thema vorgeschlagen: „Welche Infektionen erwarten mich bei welchem Reiseziel?“ Irgendwann bekam ich eine E-Mail: „Wir fanden dein Engagement gut. Möchtest du nicht bei der Organisation der Konferenz mithelfen?“ Ich habe mich im Wesentlichen um den wissenschaftlichen Teil gekümmert, also die Ausschreibung für Abstracts gemacht und den Review der Abstracts und Poster organisiert. Ich habe auch die Leute gebrieft, die die Poster vor Ort beurteilt haben, und alles organisiert. Zudem habe ich das Team der Surfer's Academy unterstützt, das war der Teil des Kongresses für Nichtmediziner. Und schließlich habe ich die Registrierung der Teilnehmer begleitet.

> Was macht den Kongress im Vergleich zu anderen besonders?

Bei uns geht es um Themen, die prinzipiell viel Spaß machen – und sie sind viel emotionaler und positiver belegt als z. B. kolorektale Karzinome. Außerdem ist der Kongress natürlich immer an Orten, wo man nach den Veranstaltungen auch Surfen gehen kann. Insofern ist die Grundstimmung ein bisschen mehr Urlaub als Arbeit. Natürlich präsentiert man aber auch ganz normal sein Poster oder hält einen Vortrag.

> Was waren die größten Schwierigkeiten?

Das Ganze war und ist oft zeitlich schwierig zu managen! Und wie in jedem Team gibt es Konflikte. Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben: Mediziner sind alle ein wenig besserwisserisch – was vielleicht auch so sein muss, wenn man nachts allein Entscheidungen trifft. Hinter denen muss man dann stehen. Daher ist es auch bei den Surfing Doctors nicht ganz einfach, unterschiedliche Meinungen zusammenzubringen – das war für uns die größte Herausforderung.Außerdem war es manchmal schwierig, die gewünschte Qualität der Publikationen sicherzustellen. Grundsätzlich will man die Leute ja ermutigen, ihre Forschung zu präsentieren – wir mussten aber auch um so manche Änderung bitten oder auch mal etwas ablehnen. Die meisten Leute arbeiten an sehr interessanten Themen, allerdings sind Erfahrungen mit etwas noch keine wissenschaftliche Studie. Und wenn wir als Organisation ernst genommen werden wollen, muss das, was wir tun, auch Qualität haben.Außerdem brach zur Zeit des Kongresses im Hotel, in dem alle untergebracht waren, eine wirklich schlimme Gastroenteritis aus! Über die Hälfte der Teilnehmer lag früher oder später krank im Bett – mich eingeschlossen.

> Welche Tipps können Sie anderen Kongress-Organisatoren geben?

Das Wichtigste ist, auf sein eigenes Zeitmanagement zu achten! Man muss sich überlegen – und den anderen kommunizieren – in welcher Woche man wie viel Zeit investieren kann. Den zeitlichen Aufwand auch für scheinbar einfache Aufgaben darf man nicht unterschätzen: Meist ist es nicht mit einer E-Mail getan, sondern man muss hartnäckig blieben, hinterhertelefonieren etc.

> Sind Sie dieses Jahr wieder im Orga-Team?

Ja, aber ich mache viel weniger – aber auf jeden Fall den Poster-Review. Es ist aber nicht ganz klar, ob ich zu der Zeit in Frankreich sein kann. Meine eigene Forschung muss in diesem Fall vorgehen.

 

Die Fragen stellte Ulla Welzel, Stuttgart

 

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