"Schwierige" Patienten

  • "Schwierige" Patienten

    © Karl-Heinz Krauskopf

     

Welche Menschen man als schwierig empfindet, hängt auch von den Umständen, der eigenen Person und Tagesform ab. Ist man sich bewusst, was genau einen „auf die Palme bringt“, kann man besser damit umgehen. Trotzdem darf man das Verhalten der Patienten hier und da kritisieren - aber nicht mit dem verbalen Holzhammer.

Schwierige Patienten sind - allgemein gesagt - solche, die negative Gefühle bei ihrem Gegenüber auslösen: Ärger, Frust, Wut, Überforderung oder Hilflosigkeit. Man empfindet einen inneren Widerstand gegenüber ihrem Verhalten, das man für ungerechtfertigt oder inadäquat hält.

Nicht jeder findet die gleichen Personen schwierig

Diese Definition macht klar: Es gehören immer zwei dazu, damit jemand zu einem schwierigen Patienten wird - oder es bleibt. Den einen Arzt nervt es z. B. besonders, wenn jemand ständig abschweift, ohne Punkt und Komma redet und Fragen nicht beantwortet. Ein anderer kann damit gut umgehen, ärgert sich aber über Patienten, die jungen Ärzten prinzipiell die Kompetenz absprechen.

 

Schwieriger Patient oder schwierige Beziehung?

Patient kann erklärbare Gründe haben

Man muss ein solches Verhalten des Patienten zwar nicht unbedingt gutheißen. Aber: Als Arzt sind Sie normalerweise nicht für Urteile zuständig, sondern z. B. für Diagnose und Therapie. Im Idealfall bringt das Gespräch sogar plausible Gründe für die Verhaltensweisen ans Licht: Erfährt man etwa, dass der Patient seinen letzten Klinikaufenthalt in schlimmer Erinnerung hat oder gerade von einem privaten Problem erfahren hat, kann man seine Reaktionen oft schon besser nachvollziehen.

Nicht nur in der Psychiatrie: Vorsicht vor Übertragung

Vielleicht erinnern Sie den Patienten aber auch nur an einen unbeliebten Mathe-Lehrer - Psychologen nennen das Übertragung. „Dann sind Sie schon unten durch, bevor Sie das erste Wort gesagt haben“, erklärt Gert Kowarowsky. Er ist Psychologischer Psychotherapeut in Bad Steben und gibt u. a. Seminare für den Umgang mit schwierigen Patienten. Solche unbewussten Übertragungen kann man leider nicht verhindern. Manchmal sind sie aber auch vorteilhaft: „Einmal sah mich ein neuer Patient vor der Praxis aus dem Auto aussteigen“, erzählt Kowarowsky. „Weil ich dabei einem seiner Bekannten ähnlich sah, hatte ich schon gewonnen.“

Der Patient - ein Omnibus?

Auch eine weitere Idee aus der Psychologie kann hilfreich sein: Machen Sie sich bewusst, dass der Patient keine starre, unveränderliche Persönlichkeit ist - sondern eher eine Ansammlung von Teilpersönlichkeiten. Kowarowsky beschreibt dies anschaulich als Omnibus: „Mal sitzt z. B. der Unbeschwerte am Lenkrad, mal der Sorgenvolle. Mal steuert der Entspannte, mal der Wütende. Vielleicht bestimmt der Fahrer allein, wohin die Reise geht, vielleicht wird demokratisch entschieden.“ Der Arzt kann sich daher sagen: Wer da gerade als schwieriger Patient vor ihm sitzt, ist vielleicht morgen wieder ein kompetenter Programmierer, ein begeisterter Hobby-Schlagzeuger oder ein einfallsreicher Großvater.

Auch der Arzt ist nur ein Mensch

Das Gleiche muss sich der Arzt aber auch selbst zugestehen: „Sie müssen sich nicht auf ein starres Selbstkonzept festlegen“, sagt der Psychologe Kowarowsky. „Sie brauchen keine Gefühle oder Gedanken ausblenden.“ Im Gegenteil: „Je mehr Persönlichkeitsanteile - auch unangenehme - Sie bei sich entdecken und eingestehen können, desto besser.“ Sie sind zwar meist der verständnisvolle Arzt, aber auch z.B. der schüchterne Denker oder die Stimmungskanone auf dem Fußballplatz. Und wenn ein Patient Sie an jemand Unliebsames erinnert, sind auch Sie vor Übertragungen nicht gefeit und damit evtl. voreingenommen. Ist man sich dessen bewusst, kann man „schwieriges“ Verhalten bei sich selbst besser kontrollieren.

Umerziehen“ ist selten möglich

In Ihrer begrenzten Zeit können Sie den Patienten nicht umerziehen - und müssen es auch nicht. Problematisch sind daher starre Überzeugungen wie „Er muss sich doch helfen lassen“ oder „Ich weiß doch, was gut für ihn ist“: „Ihre Aufgabe ist es, Hilfe anzubieten“, sagt Kowarowsky. „Der Patient muss sie nicht annehmen, er darf misstrauisch und uneinsichtig sein - und sollte sich trotzdem als Person geachtet fühlen.“

Nicht vorschnell als gestört abstempeln

Man kann zwar davon ausgehen, dass ein Teil der „schwierigen“ Patienten auch psychische Auffälligkeiten zeigt, z. B. Persönlichkeitsstörungen. Für den Umgang mit ihnen sollte das aber – zumindest für Nicht-Psychiater – weniger relevant sein. „Auf keinen Fall sollten Sie vorschnell eine Persönlichkeitsstörung oder gar eine psychische Störung diagnostizieren“, warnt Kowarowsky. „Sie verengen damit Ihr Blickfeld und stecken den Patienten in eine Schublade – oft erfüllt sich eine bestimmte Zuschreibung sogar erst dadurch.“

Als Arzt sollten Sie die Bedürfnisse des Patienten in Erfahrung bringen und –unter Berücksichtigung dieser –versuchen, Ihr eigenes Ziel zu erreichen (Anamnese, Aufklärung, Behandlungsvereinbarung o. ä.).

Persönlichkeit, Handlungen, Motive

Schaut man genauer hin, was einen bei einem schwierigen Patienten stört, ist es oft auch gar nicht seine Persönlichkeit im engeren Sinn, sondern

  • sein Verhalten in einer konkreten Situation (aufbrausend, mürrisch, theatralisch etc.) oder
  • seine – vermeintlichen – Motive.

„Natürlich fällt mir die Behandlung leichter, wenn ich denke, der Patient ist ernsthaft an seiner Heilung interessiert“, gibt der Psychotherapeut zu. „Wenn ich dagegen denke, der will sowieso nur krankgeschrieben werden, bin ich selbst auch weniger freundlich.“ Genauso kann der Arzt sein eigenes Auftreten aufschlüsseln in Persönlichkeit, Handlung, Motiv. Wirken Sie manchmal schroff? Merkt man Ihnen an, wenn Sie unter Zeitdruck stehen oder sich mit Kollegen gestritten haben? Können Ihre Patienten den Eindruck bekommen, sie seien ein „Störfaktor“ in den optimierten Arbeitsabläufen des Krankenhauses? Hier kann evtl. schon eine Erklärung helfen.

Nehmen Sie den Platz des Patienten ein – ganz wörtlich

Auch Äußerlichkeiten können die Stimmung der Patienten trüben: „Setzen Sie sich einfach mal auf den Stuhl des Patienten oder legen sich in ein Bett auf Station“, rät Kowarowsky. „Sieht man schön aus dem Fenster oder nur auf die nackte Wand? Stört das Kabelgewirr unter dem Schreibtisch? Zieht es im Nacken?“ Dies lässt sich vielleicht problemlos beheben.

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