Spieler? Freund? Patient? Schlüsselerlebnis Mannschaftsärztin

Jennifer Wertheim betreute jahrelang eine Handballmannschaft. Was der Verein von ihr erwartete, war allerdings nicht immer das, was sie als Ärztin für notwendig hielt. Besonders deutlich erlebte sie den Zwiespalt, als einer der Spieler schwer verletzt in ihre Klinik eingeliefert wurde – und sie nur eine Aufgabe hatte: Ihn schnell wieder auf das Spielfeld zu bringen.

Im Schockraum der chirurgischen Klinik wartet das Traumateam auf den angemeldeten Rettungswagen. Auch Dr. Jennifer Wertheim ist dabei, obwohl sie heute eigentlich Stationsdienst hat. Dort hat sie vor ein paar Minuten der sportliche Leiter der Mannschaft angerufen: Ein Spieler, Gordon Weaver*, habe einen Unfall gehabt – ob sie sich kümmern könne?

"Werde ich wieder laufen können?"

Dann wird Gordon Weaver auf einer Vakuum-Matratze hereingefahren. Der Bericht des Notarztes: Schock, Prellmarken, sensomotorischer Querschnitt mit Verdacht auf Wirbelsäulentrauma. Er habe ihm Schmerzmittel und Kortison i.v. gegeben, der Patient sei ansprechbar. Dr. Wertheim begegnet Gordons Blick. Offenbar erkennt er sie. Ist sichtlich erleichtert, in dem Gewusel ein bekanntes Gesicht zu entdecken. Gordon Weaver ist US-Amerikaner und erst seit kurzem in Deutschland. „Hallo Gordon“, sagt die Ärztin und reicht ihm ihre Hand – an die er sich klammert, als wäre sie seine letzte Rettung. „Was ist los?“, fragt er. „Ich fühle meine Beine nicht mehr. Werde ich wieder laufen können?“

Kein x-beliebiger Patient

Diese Frage hat Jennifer Wertheim zwar schon oft von Patienten gehört – aber noch nie von jemandem, den sie so gut kennt: Gordon Weaver ist einer der besten Spieler der Handballmannschaft, die die angehende Orthopädin und Unfallchirurgin in ihrer Freizeit betreut. „Ich sah ihn und die anderen Spieler fast täglich beim Training und bei Spielen“, erzählt sie, „und ich fühlte mich verantwortlich für ihr Wohlergehen.“

Verein ist Ersatzfamilie

Oft geht ihr Einsatz über die rein medizinische Betreuung hinaus: Viele Spieler wechseln häufig die Vereine und haben vor Ort dann kein soziales Umfeld außerhalb der Mannschaft. „Vor allem die ausländischen Spieler muss man oft an die Hand nehmen“, so Dr. Wertheims Erfahrung. „Die mögen zwar groß und kräftig sein – aber viele sind gerade mal Anfang 20 und völlig allein in einem fremden Land.“ Der Verein ist dann Ersatzfamilie und Freundeskreis in einem, hilft bei der Wohnungssuche und beim Umgang mit Geld.

Schwerer Autounfall

Dass sie bei einem Unfall als Erste benachrichtigt wird, wundert Dr. Wertheim nicht: „Als Mannschaftsärztin ist man für alle medizinischen Probleme der Jungs zuständig“, sagt sie, „rund um die Uhr und die ganze Saison durch.“ Sie muss immer genau wissen, welche Medikamente sie nehmen, jedes Schnupfenspray muss von ihr abgenickt werden – die Inhaltsstoffe stehen manchmal auf der Dopingliste. Und bei schwereren Verletzungen wie hier ist es erst recht hilfreich, wenn sie gleich dabei ist und Auskunft zum gesundheitlichen Status des Patienten geben kann. Weavers Unfall ist allerdings nicht beim Sport passiert: Er saß als Beifahrer im Auto eines Teamkollegen, als ein LKW gegen den Wagen prallte. Die Feuerwehr musste ihn aus dem Auto herausschneiden.

*Alle Namen in diesem Beitrag geändert

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