Medizin am Lebensende: Hilfe beim Sterben, Hilfe zum Sterben?

  • © Karl-Heinz Krauskopf

     

Früher bedeutete Sterbebegleitung vor allem Lindern und Trösten. Heute muss der Arzt oft bewusst entscheiden, ob, wann und wie er den Tod zulässt. Eine große Verantwortung: Was muss er, was darf er tun – und was nicht? Lesen Sie, woran Sie sich bei der Entscheidungsfindung orientieren können.

Die moderne Medizin vermag viele lebenswichtige Organfunktionen zu ersetzen: Sie kann Herzen am Schlagen halten und Lungen beatmen. Nahrung kommt per Schlauch direkt in den Magen. Ein Segen, wenn der Patient dadurch akute Krankheitszustände überlebt und sich erholt. Aber was, wenn eine Genesung ausgeschlossen ist und die „Apparatemedizin“ den Tod nur noch hinauszögern kann?

Sterben erleichtern, nicht verschlimmern

Behandlungsverzicht ist schwer auszuhalten

Vielen Ärzten fällt es schwer, eine Behandlung abzubrechen oder gar nicht erst aufzunehmen. Nichts zu tun und das Sterben zuzulassen, widerspricht dem ärztlichen Selbstbild vom „Wir tun, was wir können!“ Und obwohl dem Arzt selbst unwohl dabei sein mag, sterbende Patienten noch mit Intensivmedizin zu behandeln: Er möchte auf keinen Fall verbotene Sterbehilfe leisten.

Leiden lindern statt heilen

Andererseits gilt aber: Heilen ist nicht die einzige Aufgabe des Arztes. Laut Berufsordnung (§ 1) gehört dazu auch, Leiden zu lindern und Sterbenden Beistand zu leisten. Und Leidenslinderung kann heißen, eher quälende Symptome zu behandeln als primär das Leben zu verlängern oder bestimmte Laborwerte zu verbessern. So schreibt die Bundesärztekammer (BÄK) in ihren Grundsätzen zur ärztlichen Sterbebegleitung: „Die ärztliche Verpflichtung zur Lebenserhaltung besteht daher nicht unter allen Umständen.“ Sie wird ggf. abgelöst von der Verpflichtung, bei einem menschenwürdigen Sterben zu helfen: „Ein offensichtlicher Sterbevorgang soll nicht durch lebenserhaltende Maßnahmen künstlich in die Länge gezogen werden.“

Wille des Patienten hat Priorität

Keine Behandlung ohne Einwilligung

Wie bei allen Behandlungen gilt auch am Lebensende: Was der Arzt tut, muss dem Willen des Patienten entsprechen. Medizinische Eingriff e ohne Einwilligung aber auch sein Leiden.

Indikation und Einwilligung überprüfen

Besonders am Lebensende muss der Arzt daher genau prüfen:

  1. Welche Behandlung ist erfolgversprechend, d. h. medizinisch indiziert? Nicht indizierte Behandlungen muss der Arzt nicht durchführen – das gilt auch für künstliche Ernährung oder Antibiotika. Im Einzelfall mag dies schwierig zu entscheiden sein: Hier können klinikinterne Leitlinien helfen. Beispiele findet man unter www.ethikkomitee.de.
  2. Ist die indizierte Behandlung auch vom Willen des Patienten gedeckt? Der Patient kann jede Behandlung jederzeit ablehnen – nicht nur bei unheilbaren Erkrankungen oder in der Sterbephase. Der Arzt kann und muss zwar ggf. versuchen, ihn vom Sinn der Behandlung zu überzeugen. Letztendlich muss er aber dem Willen des Patienten folgen, sofern dieser frei und ohne Zwang gebildet wurde.

Was ist mit laufenden Behandlungen?

Wichtig ist: Diese Anforderungen gelten auch für bereits begonnene Behandlungen. Der Arzt muss daher regelmäßig prüfen, ob die medizinische Indikation und die Einwilligung des Patienten z. B. für eine Beatmung oder Dialyse noch gegeben sind. Auch die künstliche Ernährung zählt spätestens seit einem entsprechenden Urteil des Bundesgerichtshofs in 2010 als medizinische Maßnahme in diesem Sinne. Falls also ein Patient nach einem Schlaganfall wieder zu Bewusstsein kommt und schwer gelähmt ist, aber bei klarem Verstand z. B. die begonnene künstliche Ernährung ablehnt, ist dem prinzipiell Folge zu leisten.
Auch wenn Sie eine Behandlung aktiv abbrechen, z. B. eine Magensonde ziehen: Sofern dies eindeutig dem Patientenwillen entspricht, handeln Sie rechtlich und ethisch korrekt und leisten keine aktive Sterbehilfe.

Ermittlung des Patientenwillens

Falls der Patient seinen Willen nicht (mehr) selbst erklären kann, geht man folgendermaßen vor:

  1. Ein Stellvertreter nimmt die Interessen des Patienten wahr. Dies ist nicht automatisch ein Angehöriger, sondern ein vom Patienten Bevollmächtigter oder ein gerichtlich bestellter Betreuer.
  2. Liegt eine gültige, auf die Situation zutreffende Patientenverfügung vor, sind Arzt und Patientenvertreter an die dort geäußerten Wünsche gebunden – wenn es keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass dieser Wille nicht mehr gilt oder nicht frei zustande kam.
  3. Fehlt eine gültige Verfügung, gilt der mutmaßliche Wille des Patienten (abgeleitet aus früheren Äußerungen, seinen allgemeinen Einstellungen u. ä.).Ist auch der mutmaßliche Wille nicht näher zu klären, bleiben als Richtschnur die medizinische Indikation und das objektive Wohl des Patienten. Genaueres lesen Sie im Beitrag „Patientenverfügung“, Lege artis 2011, S. 250–257.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Medizin am Lebensende

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