• Einsatz über den Wolken © ccvision

     

Kollaps im Flugzeug – Einsatz über den Wolken

Dr. Lindemann hat ein festes Ziel vor Augen: Er wird Kardiologe. Den Blick für seine künftigen Patienten hat er bereits – aber dass er sein Können über den Wolken unter Beweis stellen muss, damit hat er nicht gerechnet.

Urlaubsziel: Neuseeland

Frankfurt – Dubai – Sydney – Christchurch: So lauten die Eckdaten der Reise, die Dr. Lindemann aus dem trüben deutschen Novemberwetter ins sonnige Neuseeland bringen soll. Insgesamt 30 Stunden wird er unterwegs sein, dann winken 3 Wochen Urlaub vom Alltag der Weiterbildung.

An einem Freitagabend steigt er ins Flugzeug, 6 Stunden später steht der erste Zwischenstopp an: Dubai. Beim Umsteigen fällt dem Arzt ein Mitreisender ins Auge: Mitte 70, lange graue Haare, in eine Army-Jacke und US-Flagge gehüllt, 2 Gitarren im Gepäck. „Hoffentlich sitze ich nicht neben ihm“, denkt Lindemann, „sieht so aus, als würde ihm spätestens im Flieger schlecht werden.“ Schon beim Boarding verliert er den auffälligen Mitreisenden jedoch aus den Augen: Schließlich verteilen sich 500 Passagiere auf die 2 Decks des riesigen Airbus A380.

Ist ein Arzt an Bord?

13 Stunden später, bis zur Zwischenlandung in Sydney dauert es nicht mehr lange. Der Internist döst vor sich hin. Im Halbschlaf bekommt er eine Durchsage der Crew mit: „Ist ein Arzt an Bord?“ Er schreckt hoch. „Mal schauen, was da los ist, hoffentlich nichts Schlimmes“, sind seine ersten Gedanken. Für ihn steht fest: „Keine Frage, natürlich hilft man.“

Patient mit Kollaps

Der Arzt bahnt sich seinen Weg an den Reihen der Passagiere vorbei nach vorne zur Crew. Er ist der erste, der sich meldet. „Den Patienten habe ich schon von Weitem an seiner dunkelgrünen Army-Jacke erkannt“, erinnert sich Lindemann. Es ist der Aussteiger, der ihm schon am Terminal aufgefallen ist. Eine Flugbegleiterin erklärt dem Arzt die wichtigsten Details. Der Mann hat sich hilfesuchend ans Personal gewendet: Er klagte über Dyspnoe und Thoraxschmerzen. Dann kollabierte er – seine Medikamentenliste schon in der Hand. Den Zettel schnappte sich sofort jemand von der Crew und gab die Daten per Satellitentelefon an einen in den USA stationierten Arzt der Fluglinie weiter.

Kaum Platz für die Behandlung

Nach und nach treffen jetzt weitere Passagiere ein, die ihre Hilfe anbieten: ein deutscher Chirurg, der auch Notarzt ist, ein Pädiater in Weiterbildung zum Facharzt aus Neuseeland, eine Medizinstudentin im letzten Semester aus Australien, eine Krankenschwester, die in einer Notaufnahme arbeitet, von den Kanaren. Langsam wird es eng. 

„Wir standen in einer Art Zwischenkabine, wo die Flugbegleiter normalerweise das Essen aufwärmen“, erzählt Lindemann. Der Gang ist etwa einen halben Meter breit. „Am wichtigsten war, dass wir die Vitalzeichen des Patienten messen. Aber anfangs herrschte Chaos.“ An Bord gibt es zwar eine Menge medizinischer Geräte, doch es kostet Zeit, der Crew verständlich zu machen, was genau die Ärzte benötigen. Und: „Die Ausrüstung befand sich in Koffern, wir mussten uns erst einmal einen Überblick verschaffen, sortieren, was wir brauchten und was nicht.“

„Ich wusste natürlich nicht, was auf mich zukommt, aber helfen wollte ich auf jeden Fall.“ 

Verdachtsdiagnose: Lungenembolie

Während die einen damit beschäftigt sind, nach EKG und Co. zu suchen, führen die anderen eine schnelle körperliche Untersuchung durch. Zum Entsetzen aller stellen sie fest, dass das linke Bein des Patienten auf den doppelten Umfang des rechten angeschwollen ist. „Natürlich haben wir sofort an den Klassiker im Flugzeug gedacht: eine Thrombose, die eine Lungenembolie ausgelöst hat“, so Lindemann. Zur Verdachtsdiagnose gesellt sich ein weiteres Problem: Das EKG-Gerät funktioniert nicht.

Rettender Einfall

Für die weiteren Untersuchungen braucht das Team jetzt vor allem eins: mehr Platz. „Der Chirurg schlug vor, den Patienten auf eine Decke zu legen und ans andere Ende des Flugzeugs zu ziehen“, erinnert sich Lindemann. Dort gibt es am Fuß der Treppen, die auf das zweite Deck führen, eine freie Fläche, und man kann sich auf die Stufen setzen. Der Weg dorthin führt mitten durch die Sitzreihen: „Für die anderen Passagiere war das sicher ein dramatischer Anblick!“ Aber die Idee ist Gold wert: Endlich können Lindemann und seine Kollegen die Vitalzeichen des Patienten messen. 

Die Krankenschwester bestimmt den Blutdruck: 180 / 100 mmHg. Außerdem ist der Mann mit 110 Schlägen/min tachykard. Sauerstoffsättigung und Blutzucker liegen im Normbereich. Schließlich taucht auch die Medikamentenliste wieder auf: Er nimmt u. a. Azetylsalizylsäure und das Antiarrhythmikum Amiodaron. In Absprache mit dem Arzt in den USA, einem Kardiologen, verabreicht Lindemann dem Patienten 2 Hub Nitroglyzerin-Spray, um den Blutdruck zu senken.

Erschwerte Kommunikation mit dem Patienten

Nach seinem Kollaps nickt der Mann zwar immer wieder ein, ist aber leicht aufzuwecken und ansprechbar. Allerdings ist er Franzose: „Leider konnte keiner von uns gut französisch!“ Ein Mitglied der Crew muss übersetzen. „Das hat natürlich alles weiter verzögert, und wir konnten nicht so genau nachfragen, als wenn wir uns direkt mit ihm auf deutsch oder englisch unterhalten hätten“, erinnert sich Lindemann an die nervenaufreibende Situation. „Der Patient hat immer wieder gesagt, er sei tierisch müde und erschöpft.“ Zu diesem Zeitpunkt hat er wegen der Reise seit mindestens 24 Stunden nicht mehr richtig geschlafen. Trotzdem schafft er es mitzuteilen, dass er bereits einen Herzinfarkt erlitten hat und an einer koronaren Herzkrankheit leidet.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Kollaps im Flugzeug – Einsatz über den Wolken 

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