Zuwanderer als Patienten – Kulturelle Vielfalt respektieren

Was tun, wenn Arzt und Patient nicht die gleiche Sprache sprechen und darüber hinaus aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen stammen? Flexibilität und Offenheit für fremde Krankheitskonzepte helfen ein großes Stück weiter, um Patienten mit Migrationshintergrund gerecht zu werden.

Muslimischer Patient – Was fällt Ihnen dazu ein?

Diese Frage stellten Mitarbeiter des Lehrbereichs Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Tübingen 90 Hausärzten und baten sie, ihre Assoziationen zu notieren [1]. Die Auswertung der subjektiven Gedanken und Erfahrungen zeigte:

Bei vielen Befragten dominierte ein negativer Grundtenor. Die Behandlung schätzten sie häufig als schwierig ein. Ursachen dafür waren Verständigungsprobleme, ein andersartiges Krankheitsverständnis und mit Berührungsängsten belastete Untersuchungssituationen.

Aus Sicht der Ärzte beeinträchtigten also v. a. sprachliche und kulturelle Barrieren die Beziehung zu diesen Patienten.

Gute Kommunikation ist essenziell

Egal wen Sie behandeln, gute Kommunikation ist eine ärztliche Kernkompetenz [2] – sowohl bei der Anamnese als auch in der Aufklärung über Diagnose und Therapie. Gut zu kommunizieren, bedeutet nicht nur in einem Patientengespräch alle relevanten Informationen zu vermitteln, sondern gleichzeitig sicherzustellen, dass der Patient Sie auch verstanden hat. Genauso wichtig ist jedoch, dass sich der Patient verstanden fühlt. Nur so entsteht Vertrauen in den Arzt, Compliance und damit ein Behandlungserfolg: Probleme in der Kommunikation erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Fehldiagnose und die Anzahl unnötiger Untersuchungen [2]. In einer vertrauensvollen Arzt-Patient-Beziehung treten weniger Komplikationen auf, z. B. weil der Arzt die Fortschritte des Patienten besser erkennt und ein Medikament zum richtigen Zeitpunkt absetzen kann [2].

Sprachprobleme: Die Spitze des Eisbergs

Erhöhter Schwierigkeitsgrad: Fremdsprachige Patienten

Ein erfolgreiches Patientengespräch zu führen, ist schon mit Muttersprachlern nicht einfach: Konflikte können sich allein aus dem Unterschied zwischen Gemeinsprache und Fachsprache des Arztes ergeben. Wer aber weder Deutsch noch eine gängige Fremdsprache wie Englisch spricht, hat es als Patient doppelt schwer. Zum einen kann man sich nicht so leicht verständlich machen. Zum anderen wird man häufig auch nicht richtig verstanden, wie das traurige Beispiel einer 23-jährigen Türkin zeigt. Sie verfügte nur über rudimentäre Deutschkenntnisse und äußerte vor ihrer 2. Entbindung ihrem Arzt gegenüber: „Nix Baby mehr“. Der Arzt informierte sie über Folgen und Bedeutung einer Sterilisation und fragte, ob die Patientin alles verstanden habe. Sie nickte. Im Rahmen des Kaiserschnitts wurde die Sterilisation durchgeführt. Später verklagte die Patienten den Arzt auf Schmerzensgeld: Er habe sie ohne ihr Wissen sterilisiert [3] [4].

Sprachbarrieren wirken sich nachweislich negativ auf die gesundheitliche Versorgung aus.

Praxistipps für das Patientengespräch

Was können Sie also tun, wenn Sie einen Patienten behandeln, der nur bruchstückhaft Deutsch spricht?

  • Schätzen Sie zunächst seine Sprachkompetenz ab: Offene Fragen eignen sich dazu, einen Eindruck von seinen Deutschkenntnissen zu gewinnen.
  • Weniger geeignet sind Fragen wie „Haben Sie mich verstanden?“ nachdem Sie eine lange Erklärung gegeben haben oder geschlossene, evtl. sogar suggestive Fragen: „Sie nehmen Marcumar seit 2 Jahren?“ [2].
  • Bitten Sie den Patienten stattdessen, in eigenen Worten wiederzugeben, was Sie gerade erläutert haben.
  • Um sich verständlich zu machen, sollten Sie nicht auf Kindersprache zurückgreifen oder aufhören, Verben zu konjugieren. Einfacher zu verstehen sind kurze, langsam gesprochene Sätze ohne Fachtermini und komplexe grammatikalische Strukturen wie z. B. Relativsätze.
  • Achten Sie auch auf eine positive Körpersprache und nutzen Sie eine bildhafte Sprache, Zeichnungen oder ein Zeigewörterbuch. Diffuse Beschwerden können Sie z. B. gemeinsam in einem Anatomieatlas orten.

Wenn Sie langsam sprechen, können Sie außerdem an Mimik, Gestik und Körpersprache Ihres Gegenübers ablesen, wo Verständnisschwierigkeiten auftreten [5]. Wertvolle Hinweise können auch die Anworten auf folgende Fragen liefern:

  • „Wie nennt man die Beschwerde in Ihrer Muttersprache?“
  • „Was hat Ihrer Ansicht nach die Beschwerden verursacht?“ [6]

So führen Sie ein gedolmetschtes Patientengespräch [2] [5]

  • Weisen Sie den Dolmetscher auf seine Schweigepflicht hin.
  • Bitten Sie ihn, wortwörtlich zu übersetzen.
  • Stellen Sie Dolmetscher und Patient einander namentlich vor.
  • Erklären Sie dem Patienten, dass der Dolmetscher der Schweigepflicht unterliegt.
  • Halten Sie Blickkontakt mit dem Patienten und sprechen ihn direkt an.
  • Stellen Sie nur wenige Fragen und geben Sie nur wenige Informationen auf einmal.
  • Im Anschluss bitten Sie den Dolmetscher um seine Einschätzung des Gesprächs und bedanken sich für seine Hilfe.
  • Ein Good Practice Video finden Sie unter http://www.mediathek.hhu.de > Dolmetscher-vermitteltes Arzt-Patienten-Gespräch

Patientengespräch zu dritt

Bei schwierigen Themen oder wenn Sie nonverbal nicht weiterkommen, lohnt es sich, einen Dolmetscher hinzuzuziehen – manche Krankenhäuser bieten sogar einen professionellen Dolmetscherdienst an. Jemand mit einer professionellen Ausbildung ist in jedem Fall besser geeignet zu übersetzen als Verwandte des Patienten oder Krankenhauspersonal. Unter Umständen bringen Sie Familienangehörige oder Personen aus der gleichen Sprachgemeinschaft nämlich in einen Solidaritätskonflikt: Sie übersetzen dann z. B. schlechte Nachrichten nicht, um den Patienten nicht zu belasten oder um Gepflogenheiten ihrer Kultur nicht zu verletzen [2].

Egal ob Sie auf einen Ad-hoc-Übersetzer oder einen professionellen Dometscher zurückgreifen: Als Arzt bleiben Sie dafür verantwortlich, was Ihr Patient versteht.

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